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Artikel erschien im duz MAGAZIN 11/08
vom 21.11.2008
Hallo, Onkel Doktor
Nein, ein Arzt ist kein lieber Mann aus der Verwandtschaft. Doch schon Kindern werden derartige Mythen
in die Köpfe eingepflanzt. Schluss damit, dachte Eckart von Hirschhausen und eilte Ende Oktober an die Uni
Gießen, um Medizin-Erstsemestern in folgender Vorlesung sieben Mythen aus dem Hirn zu waschen.
von Eckart von Hirschhausen
Liebe Studierende, für das, was man als Medizinstudent oder Arzt jeden Tag erlebt, müssen andere Menschen ins Kino oder vor die Glotze. Bis heute kenne ich kein aufregenderes Fach. Glückwunsch zum Studienplatz. Deutschland braucht viele engagierte Ärzte, für Leib und Seele. Ich bin weiter mit Leib und Seele Arzt, auch wenn ich meinen Wirkungskreis erweitert habe. Ich habe einmal zusammengeschrieben, was mir bis heute „merk-würdig“ vorkommt.
Mythos Nr. 1:
Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle vier Jahre
Stimmt das? Sind wir alle vier Jahre doppelt so schlau, doppelt so gesund? Der Körper ist ein wunderbarer Lehrer für den Unterschied von Qualität und Quantität. Wer vier Grad über der normalen Körpertemperatur liegt, ist der denn halb so krank wie jemand, der acht Grad drüber liegt? Nein. Nicht halb so krank, sondern doppelt so lebendig. Zwischen 41 und 45 Grad liegt ein Qualitätssprung – der über die Klinge. Also macht Zuwachs an Wissen nicht gesünder, nur das, was wir davon umsetzen können.
Mythos Nr. 2: Das vorhandene Wissen wird eingesetzt
Die Medizin hat ein immenses Kommunikations- und Umsetzungsproblem. Auf jeder Stufe gehen wertvolle Informationen durch Verklausulierung verloren. Da macht jemand eine Studie, die zeigt, dass ein Medikamententyp namens Betablocker bei einem schlecht pumpenden Herzmuskel (Herzinsuffizienz) das Leben entscheidend verbessert und verlängert. Als Patient würde man denken, dass ab dem nächsten Tag jeder Doktor seinen Herz-Patienten hinterhertelefoniert, sie einbestellt und sofort ein Rezept für das Mittel in die Hand drückt. Weit gefehlt. In der Realität dauerte es konkret 24 JAHRE, bis 2001 endlich Betablocker als Standard in der Therapie in Deutschland empfohlen wurden. Und immer noch werden über 50 Prozent der Patienten, die das Medikament bräuchten, NICHT damit behandelt.
Mythos Nr. 3: Krankheiten, die man gut behandeln kann, werden auch gut behandelt
Killer Nummer eins ist und bleibt der Bluthochdruck. Auch hier werden nicht einmal 10 Prozent der Patienten in Deutschland ausreichend behandelt. Solche Versorgungslücken existieren in vielen Bereichen, bis hin zu Depression und Schizophrenie. Wissenschaft ist immer nur der aktuelle Stand des Irrtums. Aber noch nicht mal auf den aktuellen Stand ist Verlass!
Mythos Nr. 4: Ärzte wissen heute, wie wichtig die Psyche des Patienten ist
Bis zu 40 Prozent aller Patienten, die einen Hausarzt aufsuchen, leiden an somatoformen Störungen. Das bedeutet: Der Körper signalisiert Beschwerden, ohne dass eine Ursache zu erkennen wäre. Bei Fachärzten klagen, je nach medizinischer Disziplin, sogar bis zu 50 Prozent der Patienten über solche unerklärlichen Symptome. Wenn die Beschwerden der Patienten chronisch werden und sie deswegen immer wieder Ärzte aufsuchen, kommt es im Mittel erst nach fünf bis sechs Jahren zu einer psychosomatischen Abklärung und Behandlung.
Mythos Nr. 5: Untersuchungen beruhigen
„Herr Doktor, ich hätte gerne dieses Quartal noch mal ein EKG, das hat mir das letzte Mal so gut getan!“ Jeder Test kann zu neuen unklaren Entdeckungen führen, die einen neuen Krankheitsverdacht heraufbeschwören. Als UBOs („unidentified bright objects“) bezeichnen Neurologen Signalunterschiede im Kernspin, die dazu verleiten, Bagatellbefunde überzubewerten, erneut abzuklären und Patienten zu verunsichern. Internisten kennen die Bestimmung von sogenannten Tumormarkern und anderen Laborwerten, die wenig aussagen, aber immer neue Kontrolluntersuchungen nach sich ziehen. Durch den ärztlichen Aktionismus bekommen Patienten zudem das Signal, dass sie vielleicht doch recht haben, wenn sie eine körperliche Ursache ihrer Symptome vermuten. Viele Menschen werden unzufriedener, je mehr sie für ihre Gesundheit tun.
Mythos Nr. 6: Die Arztsprache ist zu irgendwas gut
Wie genau verläuft die Arztwerdung des Menschen? Was passiert da mit den jungen und meist idealistischen frischgebackenen Studienplatzinhabern, dass ihre Ideale innerhalb der sechs Jahre Ausbildung weg von Woodstock und Birkenstock hin zu Rodenstock und Armani wandern?
Das erste, was ein Medizinstudent lernt, ist das Fach Terminologie. Offensichtlich das Wichtigste, die Schlüsselqualifikation für alles Weitere: sich systematisch unverständlich ausdrücken können. Für alles bis dahin gut auf Deutsch zu Erklärende gibt es plötzlich ein altgriechisches und ein lateinisches Fremdwort. Die Studenten lernen 32 000 neue Wörter aus zwei toten Sprachen, um dem Wunder des Lebens näherzukommen. Und um sich mit anderen Eingeweihten unterhalten zu können, in Gegenwart von Menschen, die nicht wissen sollen, was mit ihnen los ist. Die Bibel der Fachsprache ist der „Psychrembel“ – das klinische Wörterbuch. Kauft sich jeder im ersten Semester. Der Vergleich mit der Bibel trifft es nicht ganz, denn die wurde ja schon ins Deutsche übersetzt. „Essentielle, vegetative, idiopathische, funktionelle Dystonie.“ Was will der Dichter uns damit sagen? Das sind die ungedeckten Blankoschecks der diagnostischen Vernebelung oder noch deutlicher: Jedes einzelne dieser Wörter steht für: „keine Ahnung, was da los ist“. Vegetativ heißt: wird wohl irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängen, und das hat in der Medizin eh eine Außenseiterposition. Funktionell heißt: irgendwie funktioniert der Patient nicht so richtig, aber ich kann es mit keinem Messwert belegen. Funktionelle Herzbeschwerden bedeutet: Jammern bei unauffälligem EKG-Befund. Ist irgendetwas aus dem Gleichgewicht, eine Dissonanz der Körperspannungen: Dystonie. Irgendwie klingt „ist nicht im Gleichgewicht“ vom Doktor auf Griechisch weitaus professioneller, als wenn die gleichen Worte ein Feng-Shui-Meister spricht. Zu guter Letzt: idiopathisch kommt von Krankheit (pathos) und idiotisch, mit anderen Worten eine idiotische Geschichte, also nix, was ich so kenne.
Überhaupt: So sehr sich die Patienten aufregen, wenn der Arzt sich nicht verständlich machen kann, so gerne verwenden sie ihrerseits die Terminologie gegenüber Dritten. Unvergessen der Patient der Inneren, der wegen unklarer Beschwerden eine Woche lang stationär abgeklärt wurde. Auf dem Gang sprach er den Arzt an: „Doktor, mal ganz ehrlich, was ist mit mir los?“ Darauf der Arzt: „Wenn ich mal ganz ehrlich bin: Sie sind kerngesund, einfach nur ein fauler Sack.“ Der Patient: „Ich hab seit Wochen gefürchtet, dass es so was sein könnte. Aber hätten Sie es noch mal für mich auf Latein, dann kann ich es auch meiner Frau erklären.“
Mythos Nr. 7: Das war schon immer so, das bleibt auch so
hr habt eine einmalige Chance, in einer Zeit die Medizin zu studieren, in der das ganze Fach sich in komplettem Umbruch befindet. Vorhersagen sind schwierig, gerade weil sie die Zukunft betreffen. Als ich anfing zu studieren, wurde ein riesiger Ärzteüberschuss geweissagt – von dem heute nichts zu spüren ist – erst recht nicht in Mecklenburg-Vorpommern. Arzt zu sein und zu werden, ist eine Lebensaufgabe und ein Abenteuer, die mit den vor Euch liegenden Semestern erst beginnt. Lasst Euch von keinen unpädagogischen Universitätsprofessoren, von keinen hierarchieversessenen Chefs und keiner Gesundheitspolitik die Freude verderben, und gegen Anflüge von Unlust hier meine Empfehlungen als …
Pflichtlektüre für die ersten Semester:
Samuel Shem: „The House of God“. Der amerikanische Kult-Klassiker über das erste Jahr als Arzt im Krankenhaus. Bitterböse und sehr wahr. Die meisten Dinge auch durchaus auf Deutschland übertragbar. Vor allem die wichtige Botschaft: Die Kunst der Medizin besteht darin, so viel NICHTS TUN wie möglich!
Werner Bartens: „Sprechstunde“. Was bei Shem wie eine zen-buddhistische Weisheit klingt, hat ganz konkrete Folgen. Werner Bartens zeigt, dass gerade anhand der Versorgung für ältere Menschen, die Ärzte oft erst Patienten machen.
Manfred Lütz: „Das Leben kann so leicht sein. Lustvoll genießen statt zwanghaft gesund“. Pointiert und geistreich geht der Theo-loge und Psychiater der Frage nach, wie sehr Gesundheit den Stellenwert einer Religion bekommt. Fazit: Gesundheit ist nicht das höchste Gut, man sollte auch wissen, wozu man gesund sein will!
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