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Die Depression ergreift die Forscher
Fast
jeder Vierte wird einmal in seinem Leben an einer Depression erkranken,
schätzen Experten. Besonders gefährdet sind Menschen, die im
Dauerstress stehen - wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Erkennen
sie die Warnsignale wenigstens früher als andere?
von
Carola Kleinschmidt
erschienen im duz MAGAZIN 11 vom 18.11.2005
Die
Depression macht derzeit eine zweifelhafte Karriere. 18 bis 25 Prozent
der Bevölkerung leiden irgendwann in ihrem Leben einmal unter Depressionen,
erklärt David Althaus, Diplompsychologe und Psychotherapeut an der
Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitbegründer
des 'Bündnis gegen Depression'. Schon jetzt rangieren psychische
Störungen auf dem vierten Platz der Gründe für eine Krankschreibung,
berichtet die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK). Und im Jahr 2020
wird die Depression eine der häufigsten Krankheiten überhaupt
sein, prognostiziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Dauerstress im Job wird dabei immer häufiger als Auslöser für
eine depressive Erkrankung entlarvt. Trotzdem sind Überlastung, Leistungsdruck
und psychische Probleme in der Arbeitwelt nach wie vor weitgehend Tabu.
Besonders heimtückisch ist, dass sogar die Betroffenen häufig
selbst lange Zeit nicht merken, wie sie sich regelrecht in eine Depression
hineinarbeiten.
Panikattacke
in der Nacht
So
wie Gunter D. Als ihn die erste Panikattacke aus dem Schlaf riss, dachte
der promovierte Biologe, er hätte einen Herzinfarkt. Die Brust schmerzte,
das Herz raste und der Atem stockte. Panisch sprang der 38-Jährige
aus dem Bett, riss das Fenster auf und saugte die frische Nachtluft ein.
Nach einigen Minuten ging es ihm besser. Der Internist, den er am nächsten
Tag voller Angst konsultierte, fand keine Anzeichen für einen drohenden
Infarkt. Im Gegenteil. Er attestierte Gunter D. völlige Gesundheit.
Deshalb arbeitete der Wissenschaftler in den nächsten Wochen auch
wie gewohnt weiter: 60 Stunden pro Woche an der Hochschule plus Literaturstudien
am Wochenende und Kongressreisen quer durch ganz Europa. Schließlich
ist er die rechte Hand seines Professors, arbeitet an den letzten Kapiteln
seiner Habilitation und ist bekannt für seine mitreißenden
Lehrveranstaltungen. Ein Forscher auf dem Weg nach oben.
Doch die Panikattacken kamen immer wieder. Dazu gesellten sich in den
nächsten Monaten Zahnschmerzen und rasende Kopfschmerzen. Alles nervig,
aber nicht wirklich bedrohlich, fand der Biologe. Schließlich hatte
ihm der Arzt körperliche Gesundheit attestiert. Seinen Job erledigte
D. weiterhin perfekt. Schließlich können wissenschaftliche
Projekte nicht warten. Bis er eines Tages an seinem Computer saß
und ihm die Sinne schwanden. Kreislaufkollaps? Auch diesmal fand sein
Internist keine Krankheit. Aber der kluge Arzt sah die psychische Erschöpfung
und enorme Anspannung seines Patienten und schickte ihn zum Psychiater.
Gunter
D. folgte dem Rat nur zögerlich und nur, weil er sich selbst keinen
besseren mehr wusste. Die Diagnose kam wie ein Schock: Erschöpfungs-Depression.
Und zwar so weit fortgeschritten, dass der Psychiater ihm Antidepressiva
und Schlafmittel verschrieb, ihm dringlich weniger Arbeit und eine Therapie
anriet. Das war ein Jahr nach der ersten Panikattacke.
So
wie D. geht es immer mehr ehrgeizigen Wissenschaftlern und anderen Vielarbeitern.
Auf ihrem Weg nach oben trotzen sie Zeitdruck, Verantwortung und der steigenden
Arbeitslast. Sie verzichten auf Aus- und Freizeit. Alles im Namen der
Karriere und mit der Hoffnung, dass es ja wohl irgendwann wieder ruhiger
werde. Wird es aber nicht. Und der Stress knabbert langsam alle psychischen
und körperlichen Kraftreserven auf, so dass am Ende nichts mehr übrig
ist als die völlige Erschöpfung.
Dauerstress
gilt mittlerweile als einer der Hauptauslöser für depressive
Erkrankungen. Und die Universität mit ihren hohen Leistungsansprüchen
und oftmals unsicheren Arbeitsbedingungen ist ein extrem stressiger Arbeitsplatz.
Der finanzielle und zeitliche Druck, die Unsicherheit und die manchmal
fehlende Wertschätzung sind typische Stress-Faktoren an der Universität,
die stark auf die Psyche schlagen, weiß der Psychiater Dr.
Detlef Dietrich von der Medizinischen Hochschule Hannover, der in Deutschland
die European Depression Association vertritt.
Überforderung am Tag
Dazu kommt, dass ein Wissenschaftler heute neben der fachlichen Qualifikation
einen ganzen Kanon an fachfremden Fertigkeiten mitbringen muss, wenn er
in der Welt der Forschung Erfolg haben will: Wissenschaftler müssen
wissen, wie man Geldquellen auftut, gute Anträge schreibt, Gremien
überzeugt und Projekte managt. Sie müssen delegieren und exzellent
organisieren können. Viele Wissenschaftler fühlen sich überfordert
von der Vielzahl dieser Anforderungen, weiß Dietrich.
Auch
Gunter D. merkte in der Therapie, dass ein Teil seiner Überforderung
durch fehlende Fertigkeiten zu Stande kam. Er konnte weder delegieren,
noch war er fähig, Projekte und Aufgaben abzulehnen. Auch das Abschalten
am Wochenende war dem Biologen fremd. Über die ersten Symptome der
Erschöpfung ging er einfach hinweg. Erst rückblickend erinnert
sich der Wissenschaftler, dass die Krise sich schon lange mit starken
Kopfschmerzen und Schlafproblemen ankündigt hatte. Dass seine Konzentration
immer mehr nachließ und er viele Projekte nicht mehr wirklich im
Griff hatte. Dass er deshalb unter Schuldgefühlen litt alles typische
Signale für eine Depression, denen er monatelang keine Beachtung
schenkte.
Studie:
Ehrgeiz fördert Depression
Dabei laufen bei weitem nicht nur labile Menschen Gefahr, durch Stress
im Job an einer Depression zu erkranken, wie eine Studie der Ärztin
Marie Asberg vom Karolinska Institut in Stockholm zeigte: Sie untersuchte
150 Manager der mittleren Führungsebene, die wegen depressiver Erschöpfungszustände
monatelang arbeitsunfähig waren. Dabei stellte sie fest, dass es
sich bei den Betroffenen keineswegs um labile oder vorbelastete Personen
handelte. Im Gegenteil: Die Probanden waren völlig 'normale' Menschen,
die keine Merkmale von Persönlichkeitsstörungen zeigten, wie
sie üblicherweise bei depressiven Patienten vorkommen. Ihnen gemeinsam
war nur, dass sie sehr hart gearbeitet hatten, ehrgeizig und verlässlich
waren. Sie sind nie damit zufrieden, was sie getan haben und arbeiten
deshalb noch härter, beschreibt Asberg einen typischen Charakterzug
der Probanden. Der Prototyp des ambitionierten Aufsteigers in Wirtschaft
und Wissenschaft.
Studien
über die Mitarbeiter an Hochschulen, die durch Dauerstress depressive
Symptome entwickeln, gibt es zwar noch nicht. Aber bei den Personalräten
und Betriebsärzten der Hochschulen stehen Beschäftigte mit psychischen
Problemen und handfesten Depressionen mittlerweile fast täglich in
der Tür.
Klaus
Reichel, Personalrat der wissenschaftlichen Beschäftigten an der
Universität Münster, hat zwei besonders betroffene Gruppen ausgemacht:
Die älteren wissenschaftlichen Mitarbeiter und die jungen Doktoranden:
Die Doktoranden haben den Druck, ihre Arbeit gut abzuschließen,
aber gleichzeitig werden sie ausgenutzt und müssen immer mehr Aufgaben
für den Fachbereich übernehmen, sagt Reichel. Viele scheitern
an der zu großen Arbeitslast. Am Ende stünden Überforderung
und nicht selten der Vorwurf des Doktorvaters, man sei nicht geeignet
für die wissenschaftliche Laufbahn, weiß der Personalrat. Vor
allem Frauen reagieren auf diese Konstellation mit psychischen Problemen
bis hin zur Depression, nennt Reichel eine weitere Beobachtung.
Männer würden dagegen eher wütend oder verweigerten die
Arbeit. Doch ob Mann oder Frau: Reichel würde sich wünschen,
dass Betroffene viel früher zu ihm oder der Sozial- und Suchtberatung
der Universität kämen. Manchmal helfen schon Gespräche.
Ist die Situation ausweglos, hilft Reichel den Doktoranden bei der Suche
nach einem neuen Betreuer. Bei Bedarf vermittelt er auch Therapeuten in
der Stadt.
Der
besondere Druck für die Älteren
Für die älteren wissenschaftlichen Mitarbeiter steigt der Druck,
weil heute ein ganz neuer Wind an der Uni weht als zur Zeit ihrer Einstellung.
Die jungen wissenschaftlichen Mitarbeiter übernehmen ganz selbstverständlich
viele zusätzliche Aufgaben, weiß Reichel. Außerdem
sind sie schneller und sehr leistungsorientiert. Das nagt am Selbstbewusstsein
der Älteren und setzt sie unter Druck: Wir hatten schon Mitarbeiter,
die deshalb an einer klinisch zu behandelnden Depression erkrankten,
erzählt Reichel.
Sabine
Kuhn, Betriebsärztin an der Medizinischen Hochschule Hannover, hat
aufgrund der ständig steigenden Nachfrage nach Hilfe in Psychokrisen
sogar selbst eine Ausbildung zur Psychotherapeutin gemacht. Früher
kamen vor allem die Verwaltungsangestellten mit Problemen zu uns. Inzwischen
sind es immer mehr wissenschaftliche Mitarbeiter, erklärt die
Ärztin. Die Mundpropaganda macht sich bemerkbar: So mancher Dekan
empfiehlt die Betriebsärztin. Mittlerweile kommen sogar einige Professoren
zur Beratung. Aber nur, wenn sie die Ärztin bereits persönlich
kennen.
Glücklich,
wer die ersten Zeichen einer Depression bei sich erkennt und Hilfe von
Außen annimmt. Denn die Heilungschancen sind inzwischen gut, besonders
gut, wenn die Krankheit früh erkannt wird. 90 Prozent
der Patienten wären mit Psychotherapie und medikamentöser Therapie
erfolgreich zu behandeln, erklärt der Psychiater und Psychotherapeut
Dr. Hans-Peter Unger, der in Hamburg-Harburg das 'Bündnis gegen Depression'
ins Leben rief und schon viele Patienten behandelte, die aufgrund ihres
Jobs an einer Depression erkrankten. Wenn die Depression erst spät
erkannt wird, können die Folgen fatal sein. 90 Prozent
aller Suizide werden auf psychische Erkrankungen zurückgeführt,
in der Mehrzahl der Fälle handelt es sich dabei um Depressionen,
erklärt David Althaus vom Münchner 'Bündnis gegen Depression'.
Ein
neues Leben
Nachdem Gunter D. die akute Krise mit Antidepressiva und Krisengesprächen
mit einem Psychiater überwunden hatte, arbeitete er einige Monate
lang nur wenige Stunden pro Woche und begann eine Psychotherapie. In den
Gesprächen mit dem Therapeuten lernte D. besser auf die für
ihn richtige und gesunde Balance zwischen Spannung und Entspannung zu
achten. Heute geht er regelmäßig joggen, nimmt sich Zeit für
die Familie und kann abschalten. Einige Projekte hat er in Absprache mit
seinem Professor delegiert.
Für mich ist und war die Arbeit eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung.
Das hat sich nicht verändert. Aber vorher habe ich das um jeden Preis
gemacht und nicht darauf geachtet, dass ich nebenher auch noch Mensch
bin, beschreibt D. seine neue Einstellung zum Job. Der Forscher
hat gelernt die Zeichen zu deuten. Wenn ihn mal wieder starke Kopfschmerzen
quälen, nimmt er sie als Warnsignal für zu viel Stress wahr
und ernst und tritt kürzer.
Die Mühe hat sich für ihn gelohnt. Sein Leben fühlt sich
wieder lebenswert an. Seine wissenschaftliche Karriere geht weiter. Vor
kurzem kam ein Kollege zu D. und fragte ihn um Rat. Er fühlte sich
schwach, schlaflos, seinen Aufgaben plötzlich nicht mehr gewachsen.
Gunter D. riet ihm dringlich, zum Arzt zu gehen. Der Kollege hat den Rat
befolgt.
Carola
Kleinschmidt
ist Journalistin in Hamburg.
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