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Ob in den USA, Europa,
Asien oder Afrika: Lohas gibt es weltweit. Das Akronym von Life of Health
and Sustainability steht für einen ganzheitlichen Lebensstil, der auf
Gesundheit und Nachhaltigkeit setzt auch im beruflichen Kontext.
Was das mit Hochschule und Wissenschaft zu tun hat? Eine ganze Menge!
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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 10/09
vom 18.09.2009
Die gesunde
Hochschule
Im
Job alles geben, mit bahnbrechenden Entdeckungen punkten das wollen
viele Wissenschaftler. Die Zeiten der Selbstausbeutung auf Kosten der
Gesundheit sind allerdings vorbei. Eine ausgeglichene Work-Life-Balance
steht beim Nachwuchs hoch im Kurs. Hochschulverwaltungen sind also gut
beraten, auf Prävention zu setzen.
von
Carola Kleinschmidt
Mens
sana in corpore sano, schrieb der römische Schriftsteller Juvenal
und bat die Götter um einen gesunden Geist und einen gesunden Körper.
Dieser Wunsch gilt bis heute und ist vielleicht aktueller denn je. Besonders
vielleicht für die Geistes-Arbeiter an den Hochschulen, die viele
Stunden in dunklen Räumen und in ungesunder Haltung am Schreib-
und am Labortisch zubringen.
Etwa 2,4 Millionen
Menschen in Deutschland leiden an arbeitsbedingten Gesundheitsschäden
(Stand: 2007). Jedes Jahr berichten die Krankenkassen, dass vor allem
Rückenprobleme und psychische Beschwerden den Menschen das Leben
und Arbeiten schwermachen. Am häufigsten müssen Mitarbeiter
aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen zu Hause bleiben. Die-se
machen laut Gesundheitsreport 2008 der Betriebskrankenkassen fast 27 Prozent
der Fehltage aus. An zweiter Stelle folgen Atemwegserkrankungen wie grippale
Infekte mit knapp 16 Prozent, an dritter Stelle Verletzungen mit
14,5 Prozent.
Problem
Psyche
Ein besonderes Augenmerk richten Gesundheits- und Arbeitswissenschaftler
seit einigen Jahren auf Rang vier der Fehltagestatistik: die psychischen
Erkrankungen. Heute geht knapp jeder zehnte Fehltag (9,3 Prozent)
auf das Konto psychischer Probleme. In den letzten Jahren nahmen die Fehltage
um über 70 Prozent zu. Tendenz steigend. Meist leiden die Beschäftigten
an psychischer Erschöpfung bis hin zum Burn-out, an Depressionen
oder Ängsten.
Ein
Euro Investition in eine
Gesundheitsförderung rechnet
sich nach drei Jahren
mit 1,6 Euro und mehr.
Lange Zeit war Gesundheit
auf dem Campus kein Thema. Wissenschaftler kümmerten sich in der
Regel weniger um die körperliche Gesundheit als um ihre geistige
Leistungskraft, ignorierend, dass beides zusammenhängt. Und in der
Verwaltung wurde Gesundheitsförderung auch nicht an die erste Stelle
gerückt. Anders ist das in der Wirtschaft, wo mittlerweile fast jedes
Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern sich dem Thema Gesundheit widmet.
Die Devise der Unternehmen bringt Prof. Dr. Michael Kastner vom Institut
für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke auf den Punkt:
Unternehmen berechnen die Gesundheitsförderung in Euro,
sagt Kastner. Ein Euro Investition in eine moderne Gesundheitsförderung,
die sowohl die Psyche als auch die körperliche Gesundheit einbezieht,
rechnet sich nach spätestens drei Jahren mit 1,6 und mehr Euro.
Doch die Hochschulen
werden umdenken müssen. Derzeit schauen zwar noch recht wenig junge
Wissenschaftler bei der Suche nach einer guten Stelle auf die Lebensbedingungen
an der Uni. Sie sind mehr auf die Forschungsbedingungen fixiert. Aber
das ändert sich. Schon jetzt akzeptieren junge Professoren nicht
mehr, wenn ihre Mitarbeiter im schlecht belüfteten Souterrain arbeiten
sollen. Sie bekunden Unmut, wenn es keine Kindertagesstätte an der
Universität gibt was den Stressfaktor für Forscher mit
Kindern erhöht. Als Kinder der Fitness-Gesellschaft sind sie
generell aufmerksamer für ihre Work-Life-Balance und Gesundheit.
Weil sie wissen, dass gute Leis-tung gute Arbeitsbedingungen und körperlichen
Ausgleich braucht.
Davon profitiert
auch die Fakultät und letztlich die ganze Hochschule. Denn Statistiken
zeigen: Bandscheibenvorfälle sind bei Schreibtischarbeitern sehr
häufig und legen Mitarbeiter im Schnitt für über 15 Tage
lahm. Psychische Probleme werfen einen noch länger aus dem Job-Rennen:
Im Durchschnitt sind Menschen mit psychischen Beschwerden wie Burn-out,
Depressionen oder Angststörungen über 27 Tage lang krank
geschrieben. Nicht selten werden sie sogar langfristig arbeitsunfähig.
Oft steht das
psychische Problem in direktem Zusammenhang mit dem Job. Außerdem
weiß man heute, dass Menschen, die sich psychomental belastet fühlen,
auch überdurchschnittlich häufig körperliche Erkrankungen
wie Rückenbeschwerden entwickeln.
Beim Arbeitskreis
gesundheitsfördernde Hochschule herrscht deshalb schon seit einiger
Zeit Alarmbereitschaft. 1995 gegründet, verbindet der Kreis mittlerweile
mehr als 60 Hochschulen zu einem Netzwerk für die Gesundheit
und ist damit der weltweit größte Zusammenschluss dieser Art.
Mitglieder sind Beschäftigte aus Arbeitsschutz, Personalrat, betriebsärztlichem
Dienst, den Beratungsstellen, dem Hochschulsport.
Man trifft sich
regelmäßig zum Austausch, hat Gütekriterien für die
gesundheitsfördernde Hochschule entwickelt und eine hervorragende
Projektdatenbank im Internet zusammengestellt. Hier kann man zum Beispiel
nachlesen, dass die Universität Bielefeld vor 15 Jahren die erste
Hochschule war, die eine systematische Gesundheitsförderung für
ihre Mitarbeiter und für die Studierenden eingerichtet hat. Es gibt
jährliche Gesundheitstage, an denen es für das gesamte Personal
Gesundheitschecks gibt. Auch individuelle Work-Life-Balance-Beratungen
stehen auf dem Programm. Und Führungskräfteschulungen werden
um ein Modul gesundheitsförderliches Führungsverhalten erweitert.
Hohe Motivation
verdeckt Krankheit
Vor wenigen Jahren wurde ein internes psychosoziales Beratungsangebot
eingerichtet. Der Beratungsdienst fungiert als professioneller Ansprechpartner
für alle Beschäftigten der Universität und fühlt sich
sowohl für Führungsfragen, arbeitsplatzbezogene und individuelle
Probleme zuständig. Dazu kommen Gesundheitskurse finanziert
aus Mitteln der Hochschule , zum Teil während der Arbeitszeit.
Ende des Jahres 2005 hat die Universität ein neues Konzept für
die Umsetzung der Gesundheitsförderung an der Hochschule entwickelt.
Es sieht Angebote zur Führungskräfte- und Teamentwicklung
insbesondere auch im wissenschaftlichen Bereich vor.
Bielefeld kann
wohl als Vorzeige-Hochschule gelten, denn die dortige Gesundheitsförderung
dringt weitaus tiefer in die Organisation als üblich. Die meisten
Hochschulen kommen über die Organisation eines Gesundheitstages nicht
hinaus. Einige entwickeln in Gesundheitszirkeln noch spezielle Seminare
für die wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter
zu Themen wie Stressbewältigung, Entspannung und Zeitmanagement.
Haben die Bielefelder
mit ihrem Engagement recht oder wird hier nur gutes Geld verpulvert?
Dr. Silke Gräser, Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung
an der Universität Bremen, führte im Rahmen eines Projektes
eine Mitarbeiterbefragung an der Uni Oldenburg durch und hat sehr
detailliert herausgearbeitet, wie sehr eine Hochschule eine gute Gesundheitsförderung
braucht und warum das häufig gar nicht auffällt. Gräser:
Die Mitarbeiter an der Universität sind intrinsisch hoch motiviert.
Vom Schreiner bis zum Professor bescheinigten Gräser die Mitarbeiter,
dass sie stolz darauf sind, an einer Hochschule zu arbeiten, und Wert
darauf legen, ihren Job gut und richtig zu machen. Aber: Die Arbeitsbedingungen
sind schwierig, fand Gräser heraus. Unter dieser Diskrepanz
leiden viele Mitarbeiter. Sparzwänge verschlechtern die Bedingungen.
Wenn kein Geld für vernünftige neue Bürostühle da
ist, produziert das Rückenkranke.
Auch die Strukturen
der Hochschulen sind nicht gerade gesundheitsförderlich: 75 Prozent
der Mitarbeiter in Oldenburg hatten nicht das Gefühl, dass sie auf
die Entwicklung der Hochschule Einfluss nehmen können. Das verursacht
Unsicherheit und Unmut beides Faktoren, die die psychische Gesundheit
stark belasten.
Als belastend
wird auch die Zusammenarbeit mit den Chefs empfunden Lob gibt es
so gut wie keines. Und viele Führungskräfte haben wenig Kompetenz
für ihre Führungsaufgabe, sagt Gräser. Wissenschaftliche
Mitarbeiter und Doktoranden leiden dementsprechend unter schlechten Zielvereinbarungen,
fehlender Transparenz und Kommunikation in der Zusammenarbeit mit dem
Professor.
Häufig wird
die Unsicherheit und das ist bei ehrgeizigen und stark motivierten
Menschen nur logisch durch Mehrarbeit kompensiert. Das führt
wiederum zu psychosomatischen Beschwerden. Ein ungesunder Teufelskreis
kommt in Gang. Nach Gräsers Erfahrung sollte deshalb neben guten
Angeboten für die körperliche Gesundheit (Sportangebote, Rückenschulen,
Ernährungskurse) die Schulung der Führungskräfte eines
der ersten Ziele sein, wenn eine Hochschule etwas für die Gesundheit
ihrer Beschäftigten tun möchte. In Bremen bekommen die neu berufenen
Professoren und Professorinnen inzwischen eine Schulung in Mitarbeiterführung
und Selbstmanagement. Bisher haben zehn Professoren daran teilgenommen,
erzählt Gräser. Es ist ein langer Weg. Aber der Kulturwandel
hat begonnen.
Ich
habe noch nirgends ein wirklich
gut funktionierendes betriebliches
Gesundheitsmanagement gesehen.
Langsam setzen sich
Erkenntnisse durch wie: Drittmittelprojekte einzufordern klappt erfolgreicher,
wenn die Gruppe der Mitarbeiter und der Zusammenhalt groß sind.
Der Druck, sein Personal vernünftig zu führen, wächst damit.
Als Benchmark dienen auch hier internationale Unternehmen Hochschulen
können sich durchaus als global agierende Wissens-Fabriken
betrachten.
Dabei kommt es
nicht darauf an, dass man gleich das Top-Gesundheitsmanagement vorzuweisen
hat. Denn das gelingt nach Ansicht von Nick Kratzer, Mitarbeiter im Projekt
Partzipatives Gesundheitsmanagement (Pargema) des Bundesminis-teriums
für Bildung und Forschung, bisher auch den Unternehmen nicht wirklich.
Ich habe noch nirgends ein wirklich gut funktionierendes betriebliches
Gesundheitsmanagement gesehen, erklärt Kratzer und meint damit
eine Gesundheitsförderung, die wirklich vom Management getragen wird,
im gesamten Unternehmen etabliert, vernetzt und auch in Krisen stabil
weitergeführt wird.
Bedürfnisse
erkennen
Insofern
geht es auch an der Hochschule mehr um den Entschluss, das Thema Gesundheit
wirklich wichtig zu nehmen und den Arbeitsplatz als wichtigen Baustein
in der gesamten Gesundheitsbiografie der Menschen, die dort arbeiten,
zu begreifen (siehe Kasten Setting-Ansatz). Der erste
Schritt in diese Richtung ist, das Thema Gesundheit ins Leitbild der Universität
aufzunehmen und damit ein Signal nach innen und außen zu geben.
Aber dann müssen Schritte in der Praxis folgen. Die junge Wissenschaftler-Generation
sendet hier deutliche Signale, die Hochschulen sollten sie in ihrem modernen
Führungsstil unterstützen, damit alle davon profitieren.
Carola
Kleinschmidt
ist Journalistin in Hamburg.
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