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Die Universität
Bielefeld: Sie wurde 1969 am Rand der Stadt errichtet. Jetzt liegt sie mittendrin.
Ohne sie wäre Bielefeld ein Provinznest. |
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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 10/08
vom 24.10.2008
Hochschulen
tun gut
In
Nordrhein-Westfalen wetteifert derzeit ein knappes Dutzend Städte
um neue Fachhochschulstandorte. Denn Hochschulen bringen Licht ins Zukunftskonzept
einer Stadt. Sie locken Fachkräfte und Firmen an und bringen den
Regionen mehr Geld als sie kosten.
von
Mareike Knoke
Der Ostwestfale gilt
als fleißig und geschäftstüchtig. Aber auch als protestantisch-nüchtern
und bescheiden, wenn es darum geht, seine eigenen Leistungen und Reichtümer
anzupreisen. Die Menschen, die zwischen Bielefeld, Gütersloh und
Paderborn leben, haben deshalb ein Problem: Man nimmt sie kaum wahr. Und
ihren Heimatstädten drückt man schnell das Etikett gesichtslos
auf.
Das hat
die Region nicht verdient, sagt Dr. Annette Klinkert, Leiterin des
Wissenschaftsbüros der Bielefeld Marketing GmbH. Die Liste wirtschaftlich
erfolgreicher Unternehmen, die etwa in und um Bielefeld seit Jahrzehnten
ihren Sitz haben, ist lang: Dr. Oetker, Seidensticker, Windsor. Daneben
diverse Unternehmen der Technikbranche Arbeitgeber für Hunderte
von Hochschulabsolventen.
325 000 Einwohner
hat die Ostwestfalen-Metropole. Dass Bielefeld als Großstadt
wahrgenommen wird, hat die Stadt aber vor allem ihrer Universität
zu verdanken, sagt Klinkert mit Nachdruck. Die Uni brachte Internationalität
und bedeutende Geister wie etwa den Soziologen Prof. Dr. Niklas Luhmann
in die Stadt am Teutoburger Wald. 2009 wird die Uni, die sich vor allem
in den Geistes- und Sozialwissenschaften Renommee erarbeitet hat,
40 Jahre alt. Das soll groß gefeiert werden.
Überhaupt
haben die Vertreter von Stadt, Hochschulen und Unternehmen mittlerweile
einen guten Draht zueinander: Regelmäßig trifft man sich im
interdisziplinären Arbeitskreis zum gemeinsamen Brainstorming über
die weitere Entwicklung der Stadt.
Hochschulen und
Forschungsinstitute sind für Städte und Regionen ein wertvolles
Gut, um das sich zu kämpfen und zu konkurrieren lohnt. Kein Wunder,
dass der aktuelle Standortwettbewerb um den Neu- und Ausbau von Fachhochschulen
(FH) in Nordrhein-Westfalen (NRW) auf große Resonanz stößt.
Insgesamt 10 000 neue Studienplätze, hauptsächlich in den
MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik),
sollen entstehen, jährlich 160 Millionen Euro werden dafür
dauerhaft fließen. 22 Bewerbungen von Städten, Regionen
und FHs landeten bis Fristende im Briefkasten des Innovationsministeriums
in der Landeshauptstadt Düsseldorf, 13 sind jetzt in der engeren
Wahl. Im Dezember fällt die Entscheidung.
Die Hälfte
des Geldes wird ins Ruhrgebiet, in die ehemaligen Zechenstandorte fließen.
In den Städten Bottrop, Duisburg, Essen, Oberhausen und Mülheim
an der Ruhr etwa gibt es bisher keine staatliche Fachhochschule. Gemeinsam
haben sie sich deshalb um den Neubau einer FH Westliches Ruhrgebiet beworben
und es damit unter die letzten 13 geschafft. Industrie- und Handelskammern
sowie Unternehmen wurden für die Bewerbung ins Boot geholt. Über
8 000 Jugendliche, die im Westlichen Ruhrgebiet Jahr für Jahr
die Schule mit der Qualifikation für ein Fachhochschul- oder
Hochschulstudium verlassen suchten eine qualitätsvolle Ausbildung,
sagt Mülheims Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld.
Hochschule als
I-Tüpfelchen
Dieses Potenzial will sich die Wirtschaft nicht entgehen lassen.
70 Unternehmen und Konzerne haben bereits zugesagt, in einer neuen
FH mit Standort in Mülheim und Bottrop duale Studienplätze zu
tragen und Praktikumsplätze in ihren Unternehmen bereitzustellen.
In Mülheim, einer für Ruhrgebietsverhältnisse wohlhabenden
Stadt, sind bereits sechs Forschungsinstitute ansässig, darunter
zwei Max-Planck-Institute. Jetzt auch eine Hochschule
am Standort zu haben, wäre das I-Tüpfelchen, sagt
Jürgen Schnitzmeier, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft
Mülheim & Business GmbH, und malt sich bereits aus, wie die jungen
Studenten Leben in die Innenstadt bringen.
Hochschulpolitik
ist in Deutschland zwar Sache der Länder. Aber weil auch die Landkreise
zunehmend erkennen, dass ihre Chancen steigen, wenn sie Bildungsstandorte
sind, wollen sie mitreden. Jüngster Beweis: Beim Bildungsgipfel von
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel Ende Oktober hätten sich Vertreter
der Kommunen gerne mit an den Verhandlungstisch gesetzt. Das entsprechende
Angebot des Präsidenten des Deutschen Landkreistages, sich einzubringen,
verhallte jedoch ungehört.
Der
Netto-Effekt durch die schiere
Existenz der Uni ist deutlich höher
als die Kosten, die sie verursacht.
Es
geht bei so viel Engagement nicht nur um die Pflege des städtischen
Bildungsbürgertums, sondern um viel Geld. Denn eine Hochschule bringt
selbst dann volkswirtschaftlich Gewinn, wenn sie keine nennenswerte
Forschung betreibt und nicht sichtbar produktiv ist, sagt Prof. Dr. Joachim
Weimann. Er fand mit seinem Team an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
der Uni Magdeburg heraus, dass der Netto-Effekt durch die schiere
Existenz der Uni deutlich höher ist als die Kosten, die sie verursacht.
Schon allein durch das Geld, das mit den Studenten in die Stadt fließt.
Ist eine Uni dann auch noch forschungsstark, kann sie zur sprudelnden
Geldquelle für eine ganze Region werden.
Das hat man auch
in Österreich untersucht: So zeigte eine Mitte September erschienene
Studie der Uni Linz, dass die Technische Uni Graz für die Steiermark
einenormer Wirtschaftsmotor ist. Jährlich sorgt sie dort für
198 Millionen Euro zusätzliche Wertschöpfung.
Das Interesse
an Wettbewerben wie Stadt der Wissenschaft des Stifterverbandes
für die Deutsche Wissenschaft ist deshalb bei Kommunalpolitikern,
Unternehmern und Hochschulen groß. Wissenschaft ist der wichtige
Rohstoff der Zukunft. Vor allem auch für Regionen, die drohen, in
wirtschaftlicher und demografischer Hinsicht in die Peripherie abzurutschen,
sagt Dr. Ulf Matthiesen, Professor für Europäische Ethnologie
an der Berliner Humboldt-Universität. Sein Forschungsschwerpunkt
ist die wissensbasierte Stadtentwicklung. 2004 gab er das Werk Stadt
und Wissen heraus. Er sagt: Hochschulen erfüllen nicht
länger nur die Rolle des Traditionsbildners, sondern auch des Entwicklers
einer Region. Diese Botschaft müssen Hochschule und Stadt gemeinsam
vermarkten. Und dabei Stifter und Vertreter der Industrie fest einbinden.
Im thüringischen
Jena, das 2008 Stadt der Wissenschaft ist, scheint dies perfekt
gelungen zu sein. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft
und Stadtverwaltung hat durch die Bewerbung beim Stifterverband eine nie
da gewesene Intensität erreicht, sagt Gunnar Poschmann, Projektleiter
von Jena Stadt der Wissenschaft. Man treffe sich in
regelmäßigen Abständen zum Jour fixe, um sich auf konzertierte
Aktionen zu verständigen.
Städte haben
hohe Akademikerdichte
Durch diese positive Entwicklung war es auch möglich,
dass wir innerhalb kürzester Zeit unsere Bewerbung als Standort des
European Institute of Technology auf den Weg gebracht haben, ergänzt
Prof. Dr. Herbert Witte, Prorektor der Uni Jena, und wertet es allein
schon als Sensation, dass die kleine Stadt zwar nicht den
Zuschlag erhalten, aber es immerhin in die engere Auswahl geschafft habe.
Der Uni-Rektor, der Bürgermeister und der Chef der Jenoptik
AG haben gemeinsam eine großartige Präsentation auf die Beine
gestellt, bestätigt Gunnar Poschmann. Experten wie Ulf Matthiesen
bescheinigen Jena, ein Erfolgsmodell für Ostdeutschland zu sein.
Dass solche Wissenszentren
in Zukunft ein Konzept für Kommunal- und Regionalpolitiker sein
dürften, zeigt sich seit den 90er-Jahren. Ehemalige Bergbaustädte
wie in NRW müssen sich neu erfinden. Indem sie Kulturstandorte werden
wie Essen oder Hochschulstandorte wie vielleicht Mülheim. Die in
Städten übliche Konzentration von Menschen mit hohem Bildungsstand
spielt dabei eine große Rolle für die Entwicklung der Wissensgesellschaft.
Das belegt eine
Ende September von der EU-Kommission vorgestellte Städte-Studie
über die Lebensqualität in 321 europäischen Städten
mit aktualisierten Daten aus dem Jahr 2004 ( http://ec.europa.eu/regional_policy/themes/urban/audit).
Demnach schneiden fast alle Städte in der Akademikerdichte besser
ab als ihre jeweilige nationale Durchschnittswertung. Den Menschen Jobs
in Hochschulen und forschungsstarken Unternehmen zu verschaffen, lohnt
sich also.
Auch deshalb
ringen deutsche Städte heftig um die Gunst der Max-Planck-Gesellschaft,
wann immer diese bekannt gibt, ein neues Institut zu errichten. In NRW
werten jetzt einfache Fachhochschulen die Standorte auf. Ingenieure und
Wissenschaftler sollen nun für den Aufschwung in der Region sorgen.
Das ostwestfälische Bielefeld möchte ebenfalls als Ort der Wissenschaft
wahrgenommen werden. Die Konkurrenz im Ruhrgebiet ist stark. Darum erfand
die Bielefeld Marketing GmbH mit den Hochschulen die Geniale
ein achttägiges Wissenschaftsfestival für alle Bielefelder.
Anfang Oktober fand sie zum ersten Mal statt. 720 000 Euro werden,
zunächst bis 2011, fließen. 80 Prozent davon sind EU-Mittel.
Stolz verweist Annette Klinkert von Bielefeld Marketing darauf, dass es
Vergleichbares bislang nur in Spanien und in Schweden gebe.
Warnung vor Parallelwelten
Solche Veranstaltungen haben eine große Signalwirkung.
Die Hochschulen präsentieren sich dort auch als Dienstleister, die
den Bürgern etwas Konkretes zu bieten haben, sagt Ethnologe
Ulf Matthiesen. Wichtig sei, dass keine Parallelwelten entstünden.
Das gelte selbst für alte Unistädte wie Freiburg oder Heidelberg.
Auch dort gebe es genug zu tun, um soziale Fragmentierungstendenzen zwischen
dem Akademikervolk und den übrigen Einwohnern weiter abzubauen.
Um die Anerkennung
der Bevölkerung kämpfte vergangenen Sommer die Fachhochschule
Würzburg-Schweinfurt. Eine Bürgerinitiative hatte Front
gemacht gegen einen 30 Millionen Euro teuren FH-Neubau auf einem
24 000-Quadratmeter-Areal. Wir hatten alle anderen
auf unserer Seite: die Stadt, fast alle politischen Parteien, Studenten,
Universität, den Wissenschaftsminister, sagt FH-Präsident
Prof. Dr. Heribert Weber. Doch die Anwohner pochten auf ungehinderte
Sicht und Umweltschutz. Was folgte, sagt Weber, war eine mehrmonatige
große Werbeaktion in eigener Sache. Wir waren mit Ständen und
Plakaten überall in der Stadt präsent. Am Ende gab es
einen Bürgerentscheid. Der fiel klar zugunsten der Hochschule aus.
Und somit für 1500 neue Studienplätze in der Stadt.
Mareike
Knoke ist duz-Redakteurin.
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