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Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 08/10 vom 23.07.2010

Die Macht der Vize

Vizepräsidenten sind Schlüsselfiguren einer Hochschule. Als Ressortchefs und Topmanager ist ihr Einfluss derart groß geworden, dass sie selbst dem Präsidenten Konkurrenz machen können. Ist das schlimm?

von Christine Xuân Müller

Oldenburgs Unipräsidentin, Prof. Dr. Babette Simon, kann sich freuen. Anfang Juli hat der Senat ihrer Hochschule drei neue Vizepräsidenten gewählt: Die Chemikerin Prof. Dr. Katharina Al-Shamery, die Historikerin Prof. Dr. Gunilla Budde und den Ökonomen Prof. Dr. Bernd Siebenhüner. Es sind Simons Wunschkandidaten. Zuvor hatte sie so manche Überstunde investiert, um dieses Team zusammenzustellen. Die Kandidaten mussten ausgewählt, umworben und Vertragsmodalitäten ausgehandelt werden. Und nicht zuletzt mussten die Wahlgremien überzeugt werden. Doch Simon wusste, ihr Engagement wird sich auszahlen: Denn der Erfolg einer Hochschule ist auch von der erfolgreichen Arbeit der Vizepräsidenten abhängig.
Auch der Präsident der TU Darmstadt, Prof. Dr. Hans-Jürgen Prömel, brachte die aufwendige Stellvertretersuche kürzlich hinter sich. Sein Team ist seit Juni im Amt. Und auch dort wird deutlich: hinter der Postenbesetzung steckt eine klare Managementstrategie. Als Prömel 2007 Präsident in Darmstadt wurde, gab es gerade mal einen Vizepräsidenten an der TU. Nach Amtsübernahme stockte Prömel auf drei Vize auf. Und nun hat er ein weiteres Ressort eingerichtet, so dass sein Präsidium neben ihm nun aus vier Vize und einem Kanzler besteht.

Nie zuvor wurden Vizepräsidenten
so explizit in die Wahl der
Führungsspitze mit einbezogen.

Vizepräsidenten gehören zum Topmanagement im Hochschulbereich. An der TU Berlin wurde mit ihnen sogar Wahlkampf gemacht. Als Anfang des Jahres die Neuwahl des Präsidenten anstand, starteten die rivalisierenden Kandidaten Prof. Dr. Martin Gröschel und Prof Dr. Jörg Steinbach ihre Kampagnen gleich mit ihren jeweiligen Teams aus potenziellen Stellvertretern – ähnlich wie man es aus den USA beim Duell ums Weiße Haus kennt. Noch nie zuvor wurden an einer deutschen Hochschule die Vizepräsidenten so explizit in die Wahl der Führungsspitze mit hineingezogen. Steinbachs Team gewann bekanntlich. Was aber die Unibosse Simon, Prömel und Steinbach noch eint, ist die Tatsache, dass alle zuvor selbst Vizepräsidenten waren. Die drei stehen für einen Trend: Vizepräsidenten sind Schlüsselfiguren einer Alma Mater. Übernahmen sie früher eher die Rolle von Zuarbeitern, stehen sie heute als Macher im Fokus. „Noch vor etwa 15 Jahren wäre Vergleichbares undenkbar gewesen“, sagt Prof. Dr. Reinhard Grunwald, Geschäftsführer des Zentrum für Wissenschaftsmanagement in Speyer.

Mehr Freiheit, mehr Verantwortung
Grund für die wachsende Bedeutung der Vizepräsidenten ist die zunehmende Autonomie der Hochschulen. Die ist zwar je nach Bundesland und Landeshochschulgesetz unterschiedlich stark ausgestaltet, aber die Richtung ist klar: „Der Staat gibt den Hochschulen mehr Freiheiten, das heißt aber auch, dass sich Hochschulen individualisieren. Deshalb müssen sie ihre innere Arbeitsteilung differenzieren“, sagt Grunwald.
Mehr Freiheit bedeutet aber auch mehr Verantwortung: Millionenbudgets müssen verwaltet, Profilierungsstrategien entwickelt, internationale Kontakte geknüpft, Drittmittel eingeworben, Spitzenwissenschaftler angeworben oder attraktive Lehrkonzepte für Studierende umgesetzt werden. „Dafür braucht man Menschen, die betriebliche Managementfunktionen haben“, betont Grunwald. Ein Hochschulleiter alleine könnte den Anforderungen nicht gerecht werden. Zwar gibt der Präsident die Leitlinien vor, aber für die operative Umsetzung braucht er Leute, die ihm nicht nur Aufgaben abnehmen, sondern im Detail tiefer im Thema stehen als er selbst.
„So werden einem Vizepräsidenten für Forschung sämtlich Verwaltungseinheiten wie Forschungsplanung, -strategie, -portfolio und Drittmittelverwaltung zugeordnet“, sagt der Hochschulmanagementforscher und Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) Prof. Dr. Frank Ziegele. Häufig werden dabei auch – wie im Fall der Drittmittelverwaltung - Kompetenzen vom Kanzler auf einen neuen Vize übertragen. Weiter betont Ziegele: „Der Ressortzuschnitt bildet die strategische Orientierung ab.“ Womit sich eine Hochschule profilieren und von der Konkurrenz abheben will, lässt sich also daran ablesen, ob sie einen Vize für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs, Internationales, Lehre, Innovation oder ein anderes Thema hat (Siehe S. 12.).
Wegen ihrer exponierten Stellung müssen die Ressortschef mitunter aber auch anstelle des Präsidenten politische Debatten öffentlich aushalten oder anregen – wie jüngst an der Humboldt-Universität Berlin, wo Vizepräsident Prof. Dr. Michael Linscheid in die Kritik geriet wegen des Vorgehens der Hochschule bei der anstehenden Exzellenzinitiative.
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Vizes von heute müssen nicht nur den Kopf für ihren Präsidenten hinhalten, sie können ihrerseits auch den Präsidenten zu Fall bringen. Wie weit der Einfluss von Stellvertretern reichen kann, zeigte sich auch 2009, als die drei Ex-Vizepräsidenten der Uni Hamburg offen auf Konfrontation zur damaligen Präsidentin Prof. Dr. Monika Auweter-Kurtz gingen und damit einen Stein ins Rollen brachten, der mit dem Rücktritt von Auweter-Kurtz endete.

„Es darf nicht so sein, dass sich
auf der Ebene der Vizepräsidenten
ein Eigenleben entwickelt.“

Wie stark darf der Vize sein?
Der Fall Hamburg macht den Machtzuwachs deutlich. Doch wie stark darf oder soll ein Vize sein? Prof. Dr. George Turner, ehemaliger Wissenschaftsenator des Landes Berlin, Ex-Unipräsident und profilierter Vordenker für Managementstrukturen im Hochschulbereich, betont heute: „Es darf nicht so sein, dass sich auf der Ebene der Vizepräsidenten ein Eigenleben entwickelt.“ Turner hält deshalb auch nichts von einer allzu üppigen Ausstattung etwa mit eigenen Referenten. „Ein Vizepräsident muss ein Büro haben, aber keinen eigenen Apparat“, sagt Turner.
Auch die Oldenburger Unipräsidentin Simon ist sich des Konfliktpotenzials durch allzu mächtige Stellvertreter bewusst und steuert gegen: Während ihr Vorgänger in Oldenburg einem Vizepräsidenten das komplette Berufungsmanagement überließ, macht Simon diese Aufgabe wieder zur Chefsache „Die Berufung ist ein fundamentaler strategischer Entscheid und für mich eine ganz zentrale Aufgabe, die ich selbst übernommen habe“, betont Simon. Und Darmstadts TU-Chef Prömel macht klar: „Ich versuche starke Vizepräsidenten zu haben und ich erwarte, dass sie mir auch sagen, welche meiner Vorhaben aus ihrer Sicht nicht opportun sind. Aber wenn wir uns auf eine Linie geeinigt haben, dann erwarte ich, das diese von allen nach außen vertreten wird.“
Gebraucht werden also führungsstarke, aber loyale Persönlichkeiten. Doch wie findet man die richtigen Leute? Früher, erinnert sich Turner, wurde bei der Stellenbesetzung vor allem auf die politischen Mehrheitsverhältnisse in der Hochschule geschielt – nach dem Muster „zwei rechts – zwei links“. Das gilt als überholt. „Heute, wo es um Ressorts geht, sind statt politischer Macht eher Kompetenzen gefragt“, sagt Turner und fügt hinzu: „Ein geeigneter Kandidat fällt durch besonders sachliche Beiträge etwa zur Lehre, zur Forschung oder Internationalisierung auf und er muss die Befähigung zur Hochschulleitung haben.“ Simon suchte sich für den Job als Vize Leute, die „leitungserfahrene Persönlichkeiten sind, in Forschung und Lehre ausgewiesen und national und international vernetzt sind“. Zudem sollten sie „mit der Arbeit in Hochschulgremien vertraut sein, über Empathie und Verhandlungsgeschick verfügen und in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen gesamtstrategisch für die Universität denken.“ Kandidaten, die diesen Kriterien entsprechen, sind rar. Gesucht wird nach ihnen in der Regel im uniinternen Pool von profilierten Forschern und Hochschullehrern.
Das genau ist aber auch der Punkt, an dem sich Kritik entzündet. „Es wird gefragt, wie jemand, der bislang Forschung und Lehre gemacht hat, nun qualifiziert einen Teil der Verwaltung führen kann. Das sind unter anderem Aufgaben, für die früher ein Kanzler auf Lebenszeit zuständig war“, erklärt CHE-Chef Ziegele. Hinzu kommt, dass das Vizeamt meistens nur nebenamtlich geführt wird. Die übrige Zeit versucht der Stelleninhaber weiter seine Forschungsarbeit zu betreiben. Eine Konstruktion, die zu Frust in beiden Arbeitsbereichen führen kann. Deshalb empfiehlt Ziegele: „Mit der Verantwortung, die damit verbunden ist, muss das Vizepräsidentenamt auf jeden Fall hauptamtlich geführt werden.“ Das jedoch schreckt gerade geeignete Wissenschaftler ab, die ihre Forscherkarriere nicht für ein paar Jahre in der Hochschulverwaltung an den Nagel hängen wollen. Viele von ihnen wollen den Kontakt zur Wissenschaft nicht verlieren, um möglichst reibungslos wieder dorthin zurückkehren zu können. Turner plädiert deshalb sowohl für neben- als auch für hauptamtliche Vize: „ Man sollte nicht zu dogmatisch sein, sondern genügend Spielraum lassen, um geeignete Kandidaten von vornherein nicht auszuschließen.“

Nach einer Amtszeit als Vizepräsident
ist die Rückkehr in die
Wissenschaft noch möglich.

Unipräsidentin Simon weiß, dass viele Vizepräsidenten nur eine Amtszeit – also je nach Hochschule für drei oder vier Jahre – zur Verfügung stehen möchten, „um den Anschluss an die Wissenschaft nicht zu verlieren.“ Sie selbst wie auch ihre Kollegen Hans-Jürgen Prömel und Jörg Steinbach entdeckten aber die Managementpassion, arbeiteten zwei Amtzeiten als Vize, bevor sie Unipräsidenten wurden.

Karrieren sind durchlässiger
Für diese Option macht sich auch CHE-Chef Ziegele stark. Er weiß, dass die Karrieremöglichkeiten im Wissenschaftsmanagement heute dynamischer und durchlässiger sind. Zwar sei es hierzulande noch nicht wie etwa in Neuseeland: „Da wurde die Managementkarriere schon vor Jahren in der Scientific community als selbstverständlich angesehen“, sagt Ziegele. Dennoch erfährt die Laufbahn im Wissenschaftsmanagement einen Reputationszuwachs. Perspektiven bieten sich für die Vize nicht nur an der Unispitze, sondern auch in der Politik oder in internationalen Institutionen. So wie etwa bei Prof. Dr. Barbara Ischinger. Bevor sie Direktorin des Bildungsdirektorats der OECD wurde, war sie fünf Jahre Vizepräsidentin der Humboldt-Universität Berlin.
Weil die Hochschulvizepräsidenten eine exponierte Stellung einnehmen, will das CHE ab 2011 erstmals einen eigenen Weiterbildungsworkshop für sie anbieten. Noch sondieren die Experten die Bedürfnisse der Zielgruppe. Klar ist aber schon jetzt: die Vizepräsidenten geraten als Topmanager auch zunehmend in den Fokus von externen Personalprofis, die auf der Suche nach erstklassigen Führungskräften sind und diese unverhohlen für neue Arbeitgeber weglocken. Ohne diese diskreten Abwerbeprofis hätte vielleicht auch die Uni Oldenburg bis heute keine neue Präsidentin. Denn auch Prof. Dr. Babette Simon erregte als Vizepräsidentin der Universität Marburg die Aufmerksamkeit eines Headhunters und wurde von ihm nach Oldenburg geholt.

 


Christine Xuân Müller
ist duz-Redakteurin.
 

 

   
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