| |

Das Szenario: Sämtliche
Professorenporträts der
deutschen Universitätsgeschichte sind zerstört. Die Frage: Wie
reagiert der Kunsthistoriker?
|
|
Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 08/10
vom 23.07.2010
Professoren
in Öl
Kritiker
werfen der Hochschule von heute ja gern vor, sie nähme ihren traditionellen
Bildungsauftrag nicht mehr ordentlich wahr und verkaufe ihre Geschichte.
Derlei Pauschalverurteilungen kann Univers so natürlich nicht stehen
lassen und verweist trotzig auf die hohe Tradition des Professorenporträts.
von
Thomas Mauch
Es ist eine Tradition.
Das Rektorenporträt wird beispielsweise an der Universität Rostock
gepflegt. Gestandene Malerprominenz wie Willi Sitte oder Werner Tübke
hat hier die Rektorenschaft für die Nachwelt mit dem Pinsel festgehalten.
Für das Konterfei von Professor Dr. Thomas Strothotte, der vor seinem
Wechsel nach Regensburg das Amt des Rektors der Universität Rostock
von 2006 bis 2008 innehatte, wollte man aber Neues wagen, und zwar einen
Wettbewerb unter den Studierenden und frischen Absolventen von Strothottes
Zieluni Regensburg. Gewonnen hat Ulrike Angermeier, die ihr Strothotte-Porträt
im November dieses Jahres in Rostock präsentieren wird. Eine Nachwuchsförderung
in Sachen Rektorenporträt.
Was man schätzt,
will man erhalten wissen. Gern auch in Öl. Und die Bildnisse unserer
Wissenschaftler und Professoren haben uns in Deutschland ja wirklich was
bedeutet. Das Porträt des Mathematikers Carl Friedrich Gauß
etwa hat man sich immer wieder angeschaut und zur Hand genommen, oft mehrmals
am Tag, weil eben ständig irgendetwas bezahlt werden muss. Gaußens
Konterfei zierte den Zehnmarkschein. Noch lieber hätte man mehr von
den Grimms im Geldbeutel gehabt, am Ende der Schein-Skala. Tausend
deutsche Mark waren uns die Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm wert.
Gerhard Richter
drückt den Auslöser
Vorbei, die Zeit der Deutschen Mark. Und der Porträtmalerei
geht es auch nicht wirklich gut. Als Gerhard Richter vor kurzem den Auftrag
annahm, für die Oberbürgermeister-Galerie im Kölner
Rathaus den ehemaligen OB Fritz Schramm zu porträtieren, entschied
er sich, das in Form einer Fotografie zu tun. Weil nur die für ein
Porträt noch zeitgemäß sei, wie der renommierteste deutsche
Maler mitteilte.
Tatsächlich
spielt die Porträtmalerei seit spätestens der zweiten Hälfte
des vergangenen Jahrhunderts fast keine Rolle mehr im Kunstbetrieb. Das
liegt natürlich vor allem am Siegeszug der abstrakten Malerei, die
die realistischen Positionen wenigstens im Westen weitgehend verdrängte.
Die weitere Aufsplitterung der Kunst weg vom Standardformat einer Leinwand
war der Porträtkunst auch nicht gerade dienlich. Wie hätte denn
bitte ein gelungenes Porträt in der Land Art oder einem Happening
ausschauen sollen? Selbst wenn man es mit der körperlichen Ähnlichkeit
des Porträtierten nicht so genau nimmt.
Der Fotoapparat
ist an allem Schuld
Wobei die Ähnlichkeit gar nicht das eigentliche Ziel eines gelungenen
Porträts ist. Das Wesen oder die Persönlichkeit der Porträtierten
sollte vom Künstler auf die Leinwand gebracht werden, und ob sie
nun wirklich so ausgesehen haben, wie sie sich uns in den Museen zeigen,
ist erstens reichlich egal und zweitens sowieso kaum abzugleichen, weil
das Gros aller Porträtmalerei eben vor der Erfindung der Fotografie
gemalt wurde.
Ihren ersten
großen Aufschwung hatte sie in der Renaissance. Das geschah nicht
ohne Grund: Jetzt wurde die Einmaligkeit des Individuums gefeiert, eine
neu erwachte Studierlust maß sich am menschlichen Körper, der
frisch befragt und auch gesellschaftlich neu positioniert sein wollte
man denke an die Selbstbildnisse von Albrecht Dürer. Nicht
zuletzt aber hatte sich die Auftragslage für die Künstler entscheidend
verändert, weil nun neben der Kirche und dem Adel auch die Kaufleute
ihr gutes Geld für ein hübsches Bild anlegen wollten. Gern von
sich, weil so ein Porträt allemal als bester Beweis diente, das man
es zu was gebracht hatte.
Bereits beim
Schnelldurchlauf durch ein Kunstmuseum mit nur kurzem Blick nach links
und rechts wird man erkennen, welche bedeutende Rolle schon quantitativ
die Porträtmalerei über die Jahrhunderte hinweg in der Kunst
einnahm. An den Porträts lassen sich die künstlerischen Entwicklungen
ablesen, die Bildnisse wiederum spiegeln die gesellschaftlichen Veränderungen
im Lauf der Zeit. Das Porträt von Ludwig XIV. in seinem barocken
Krönungsornat ist doch augenfällig was anderes als Whistlers
Bildnis der Mutter oder Picassos Sylvette.
Konserviert
in Öl leben sie alle
fort, Ludwig der XIV., Sylvette. Und die
vielen Universitätsangestellten.
So
konserviert in Öl aber leben sie alle fort, Ludwig XIV., Whistlers
Mutter, Sylvette. Und die vielen Universitätsangestellten, die die
jeweilige Unileitung für würdig genug erachtete, sie für
die Nachwelt festhalten zu lassen.
Ein schönes
Beispiel für den Professor in Öl hat man mit der Tübinger
Professorengalerie. Hier finden sich über 300 Porträts ehemaliger
Professoren, Präsidenten, Rektoren und anderer Funktionsträger
der Universität Tübingen die, das nur zur Erinnerung,
im fernen Jahr 1477 gegründet wurde. Bedeutend ist die Sammlung schon
wegen ihrer zeitlichen Geschlossenheit. Sie reicht vom Ende des 16. Jahrhunderts
bis in die Gegenwart hinein und ist zeitgemäß wenigstens zu
Teilen auch im Internet einsehbar. Dabei sieht man typischerweise die
Porträtierten im Brustbild. Es sind sich um Gelassenheit und Würde
bemühende Herren im dunklen Tuch, die Bilder in dunklen Farben, aus
denen hell das Gesicht leuchtet.
Wenn man sich
durch die einzelnen Porträts klickt, bekommt man eine Ahnung davon,
wie prinzipientreu zur mal gefundenen Lösung und wie unverrückbar
so eine Einrichtung wie die Universität ist. Eigentlich hat sich
hier im Lauf durch die Jahrhunderte nichts geändert. Gut, manche
Halskrause hat man auf dem Weg doch verloren und die Bärte der Professoren
wurden nach den jeweiligen Moden der Zeit zurechtgestutzt. Sonst aber
schauen sie aus ihren Brustbildern immer gleich, die Professoren aus dem
17. so wie die aus dem 20. Jahrhundert. Männer, reihenweise.
Nur zur Gegenwart hin findet sich in der Tübinger Professorengalerie
neben den Herrschaften auch eine Frau. Zwei oder drei.
Jetzt kommt aber
Gretchen mit ihrer Frage.
Und Gretchen fragt:
Haben diese
Professorenporträts denn eigentlich einen künstlerischen Wert?
Doch, ja
aber.
Es ist halt schon
so, dass die böse Fee den Kunsthistoriker, den sie in der Nacht im
Traum heimsucht, nicht wirklich schrecken kann mit der Drohung, jetzt
mal alle Professorenporträts mit kurzem Tippen der Delete-Taste
aus den Universitätsgalerien zu löschen. Da schläft der
Kunsthistoriker unbesorgt weiter. Was er nicht täte, wenn besagte
böse Fee das gleiche Delete-Spiel für ein beliebiges italienisches
Provinzmuseum mit seinen meist namenlos gebliebenen Meistern androht,
deren Spur aber doch immer irgendwie zu Raffael oder sonst einer Größe
aus dem Kunstgeschichtsbetrieb führt.
Wenn sich die
Wissenschaft also selbst über die Schulter blicken und sich ausspähen
will, schickt man statt einem Kunsthistoriker besser den Ethnologen in
die Universitätsgalerien, um dort neben dem Doktorhut, den Talaren
und der Rektorkette auch die Professorenporträts als einen besonderen
Fall der Sitten und Gebräuche im Universitätsbetrieb zu erforschen.
Es ist halt eine
Tradition. Die hat man oder eben auch nicht. Nur elf Bahnminuten entfernt
von Tübingen liegt Reutlingen, und in der dortigen Hochschule schlummern
in den Archiven zwar Porträtbüsten von ein paar Gründervätern
der Vorgängerinstitutionen, aus denen 1971 die Fachhochschule Reutlingen
seit 2001 Hochschule Reutlingen hervorgegangen ist. Diese
Porträttradition ist allerdings vor rund 100 Jahren abgebrochen.
Dafür findet man auf der Homepage der Hochschule im Fachbereich Informatik
unter dem Stichwort Portraits statt dem Lehrkörper die
Fotos von Studierenden, die letztlich alle der Meinung sind, mit dieser
Hochschule keine schlechte Wahl getroffen zu haben. In diesem Jahr wurde
die Hochschule Reutlingen vom Stifterverband und dem DAAD als Deutschlands
Internationale Hochschule 2010 ausgezeichnet. Damit begründet
Reutlingen eine mögliche Tradition: der Preis wurde erstmals ausgelobt.
Ein guter Grund,
eine Tradition fortzuführen, ist irgendwann mal auch die Tradition
selbst. Vielleicht geht es den Rektoren in Öl dabei wie der Deutschen
Mark, die wenigstens die Bundesbank ohne Murren in Euro ummünzt:
Nicht allgemein mehr im Umlauf. An der richtigen Stelle aber weiterhin
wertgeschätzt.
|