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Foto: Fotolia/Dmitriy Rashchektay
Das Szenario: Sämtliche Professorenporträts der
deutschen Universitätsgeschichte sind zerstört. Die Frage: Wie reagiert der Kunsthistoriker?

 

 

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 08/10 vom 23.07.2010

Professoren in Öl

Kritiker werfen der Hochschule von heute ja gern vor, sie nähme ihren traditionellen Bildungsauftrag nicht mehr ordentlich wahr und verkaufe ihre Geschichte. Derlei Pauschalverurteilungen kann Univers so natürlich nicht stehen lassen und verweist trotzig auf die hohe Tradition des Professorenporträts.

von Thomas Mauch

Es ist eine Tradition. Das Rektorenporträt wird beispielsweise an der Universität Rostock gepflegt. Gestandene Malerprominenz wie Willi Sitte oder Werner Tübke hat hier die Rektorenschaft für die Nachwelt mit dem Pinsel festgehalten. Für das Konterfei von Professor Dr. Thomas Strothotte, der vor seinem Wechsel nach Regensburg das Amt des Rektors der Universität Rostock von 2006 bis 2008 innehatte, wollte man aber Neues wagen, und zwar einen Wettbewerb unter den Studierenden und frischen Absolventen von Strothottes Zieluni Regensburg. Gewonnen hat Ulrike Angermeier, die ihr Strothotte-Porträt im November dieses Jahres in Rostock präsentieren wird. Eine Nachwuchsförderung in Sachen Rektorenporträt.
Was man schätzt, will man erhalten wissen. Gern auch in Öl. Und die Bildnisse unserer Wissenschaftler und Professoren haben uns in Deutschland ja wirklich was bedeutet. Das Porträt des Mathematikers Carl Friedrich Gauß etwa hat man sich immer wieder angeschaut und zur Hand genommen, oft mehrmals am Tag, weil eben ständig irgendetwas bezahlt werden muss. Gaußens Konterfei zierte den Zehnmarkschein. Noch lieber hätte man mehr von den Grimms im Geldbeutel gehabt, am Ende der Schein-Skala. Tausend deutsche Mark waren uns die Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm wert.

Gerhard Richter drückt den Auslöser
Vorbei, die Zeit der Deutschen Mark. Und der Porträtmalerei geht es auch nicht wirklich gut. Als Gerhard Richter vor kurzem den Auftrag annahm, für die Oberbürgermeister-Galerie im Kölner Rathaus den ehemaligen OB Fritz Schramm zu porträtieren, entschied er sich, das in Form einer Fotografie zu tun. Weil nur die für ein Porträt noch zeitgemäß sei, wie der renommierteste deutsche Maler mitteilte.
Tatsächlich spielt die Porträtmalerei seit spätestens der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts fast keine Rolle mehr im Kunstbetrieb. Das liegt natürlich vor allem am Siegeszug der abstrakten Malerei, die die realistischen Positionen wenigstens im Westen weitgehend verdrängte. Die weitere Aufsplitterung der Kunst weg vom Standardformat einer Leinwand war der Porträtkunst auch nicht gerade dienlich. Wie hätte denn bitte ein gelungenes Porträt in der Land Art oder einem Happening ausschauen sollen? Selbst wenn man es mit der körperlichen Ähnlichkeit des Porträtierten nicht so genau nimmt.

Der Fotoapparat ist an allem Schuld
Wobei die Ähnlichkeit gar nicht das eigentliche Ziel eines gelungenen Porträts ist. Das Wesen oder die Persönlichkeit der Porträtierten sollte vom Künstler auf die Leinwand gebracht werden, und ob sie nun wirklich so ausgesehen haben, wie sie sich uns in den Museen zeigen, ist erstens reichlich egal und zweitens sowieso kaum abzugleichen, weil das Gros aller Porträtmalerei eben vor der Erfindung der Fotografie gemalt wurde.
Ihren ersten großen Aufschwung hatte sie in der Renaissance. Das geschah nicht ohne Grund: Jetzt wurde die Einmaligkeit des Individuums gefeiert, eine neu erwachte Studierlust maß sich am menschlichen Körper, der frisch befragt und auch gesellschaftlich neu positioniert sein wollte – man denke an die Selbstbildnisse von Albrecht Dürer. Nicht zuletzt aber hatte sich die Auftragslage für die Künstler entscheidend verändert, weil nun neben der Kirche und dem Adel auch die Kaufleute ihr gutes Geld für ein hübsches Bild anlegen wollten. Gern von sich, weil so ein Porträt allemal als bester Beweis diente, das man es zu was gebracht hatte.
Bereits beim Schnelldurchlauf durch ein Kunstmuseum mit nur kurzem Blick nach links und rechts wird man erkennen, welche bedeutende Rolle schon quantitativ die Porträtmalerei über die Jahrhunderte hinweg in der Kunst einnahm. An den Porträts lassen sich die künstlerischen Entwicklungen ablesen, die Bildnisse wiederum spiegeln die gesellschaftlichen Veränderungen im Lauf der Zeit. Das Porträt von Ludwig XIV. in seinem barocken Krönungsornat ist doch augenfällig was anderes als Whistlers „Bildnis der Mutter“ oder Picassos Sylvette.

„Konserviert in Öl leben sie alle
fort, Ludwig der XIV., Sylvette. Und die
vielen Universitätsangestellten.“

So konserviert in Öl aber leben sie alle fort, Ludwig XIV., Whistlers Mutter, Sylvette. Und die vielen Universitätsangestellten, die die jeweilige Unileitung für würdig genug erachtete, sie für die Nachwelt festhalten zu lassen.
Ein schönes Beispiel für den Professor in Öl hat man mit der Tübinger Professorengalerie. Hier finden sich über 300 Porträts ehemaliger Professoren, Präsidenten, Rektoren und anderer Funktionsträger der Universität Tübingen – die, das nur zur Erinnerung, im fernen Jahr 1477 gegründet wurde. Bedeutend ist die Sammlung schon wegen ihrer zeitlichen Geschlossenheit. Sie reicht vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein und ist zeitgemäß wenigstens zu Teilen auch im Internet einsehbar. Dabei sieht man typischerweise die Porträtierten im Brustbild. Es sind sich um Gelassenheit und Würde bemühende Herren im dunklen Tuch, die Bilder in dunklen Farben, aus denen hell das Gesicht leuchtet.
Wenn man sich durch die einzelnen Porträts klickt, bekommt man eine Ahnung davon, wie prinzipientreu zur mal gefundenen Lösung und wie unverrückbar so eine Einrichtung wie die Universität ist. Eigentlich hat sich hier im Lauf durch die Jahrhunderte nichts geändert. Gut, manche Halskrause hat man auf dem Weg doch verloren und die Bärte der Professoren wurden nach den jeweiligen Moden der Zeit zurechtgestutzt. Sonst aber schauen sie aus ihren Brustbildern immer gleich, die Professoren aus dem 17. so wie die aus dem 20. Jahrhundert. Männer, reihenweise. Nur zur Gegenwart hin findet sich in der Tübinger Professorengalerie neben den Herrschaften auch eine Frau. Zwei oder drei.
Jetzt kommt aber Gretchen mit ihrer Frage.
Und Gretchen fragt:
„Haben diese Professorenporträts denn eigentlich einen künstlerischen Wert?“
„Doch, ja … aber.“
Es ist halt schon so, dass die böse Fee den Kunsthistoriker, den sie in der Nacht im Traum heimsucht, nicht wirklich schrecken kann mit der Drohung, jetzt mal alle Professorenporträts mit kurzem Tippen der Delete-Taste aus den Universitätsgalerien zu löschen. Da schläft der Kunsthistoriker unbesorgt weiter. Was er nicht täte, wenn besagte böse Fee das gleiche Delete-Spiel für ein beliebiges italienisches Provinzmuseum mit seinen meist namenlos gebliebenen Meistern androht, deren Spur aber doch immer irgendwie zu Raffael oder sonst einer Größe aus dem Kunstgeschichtsbetrieb führt.
Wenn sich die Wissenschaft also selbst über die Schulter blicken und sich ausspähen will, schickt man statt einem Kunsthistoriker besser den Ethnologen in die Universitätsgalerien, um dort neben dem Doktorhut, den Talaren und der Rektorkette auch die Professorenporträts als einen besonderen Fall der Sitten und Gebräuche im Universitätsbetrieb zu erforschen.
Es ist halt eine Tradition. Die hat man oder eben auch nicht. Nur elf Bahnminuten entfernt von Tübingen liegt Reutlingen, und in der dortigen Hochschule schlummern in den Archiven zwar Porträtbüsten von ein paar Gründervätern der Vorgängerinstitutionen, aus denen 1971 die Fachhochschule Reutlingen – seit 2001 Hochschule Reutlingen – hervorgegangen ist. Diese Porträttradition ist allerdings vor rund 100 Jahren abgebrochen. Dafür findet man auf der Homepage der Hochschule im Fachbereich Informatik unter dem Stichwort „Portraits“ statt dem Lehrkörper die Fotos von Studierenden, die letztlich alle der Meinung sind, mit dieser Hochschule keine schlechte Wahl getroffen zu haben. In diesem Jahr wurde die Hochschule Reutlingen vom Stifterverband und dem DAAD als Deutschlands „Internationale Hochschule 2010“ ausgezeichnet. Damit begründet Reutlingen eine mögliche Tradition: der Preis wurde erstmals ausgelobt.
Ein guter Grund, eine Tradition fortzuführen, ist irgendwann mal auch die Tradition selbst. Vielleicht geht es den Rektoren in Öl dabei wie der Deutschen Mark, die wenigstens die Bundesbank ohne Murren in Euro ummünzt: Nicht allgemein mehr im Umlauf. An der richtigen Stelle aber weiterhin wertgeschätzt.


 
  Foto: privat
 

 
Thomas Mauch
 

ist Redakteur bei der taz. 1960 geboren, dilettierte Thomas Mauch in seiner Jugend künstlerisch auch mit dem einen oder anderen Porträt, bevor er sich dann doch für etwas Solides entschied. Also studierte er Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaften in Tübingen und in Bologna. Aus dieser Zeit in Italien rührt auch seine unerschütterliche Liebe zu den Provinzmuseen mit ihren Schätzen. Und weil die gegenwärtige Kunst meist Videokunst ist, könnte er sich für einen Traditions-Update der Professorengalerien gut auch kleine Videoporträts von Rektoren vorstellen.
 

       
   
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