duz
Magazin  
  Foto: wikipedia
Einstein irrte mit seiner „kosmologischen
Konstante“. Trotzdem wurde er Professor in Princeton.
 

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 05/10 vom 30.04.2010

Mit vollem Risiko

Wer in der Forschung neue Wege gehen will, Irrtum und Scheitern einkalkuliert, stößt in der erfolgsorientierten Leistungsgesellschaft auf wenig Gegenliebe. Und auf noch weniger Drittmittel. Helfen könnten mehr gezielte Förderprogramme für risikobereite junge Wissenschaftler.

von Yvonne Globert

Albert Einstein passierte es zweimal: Als der Physiker seine Allgemeine Relativitätstheorie entwickelte, ging die Wissenschaftlerszene fälschlicherweise davon aus, dass das Weltall statisch ist. Weil sich dies aber nicht mit Einsteins Theorie in Einklang bringen ließ, baute dieser einfach eine „kosmologische Konstante“ in seine Gleichungen ein – und die Theorie ging wieder auf. Bis sich herausstellte: Das Universum dehnt sich doch aus. Da ruderte Einstein zurück: Die geheimnisvolle Konstante sei sein „größter Irrtum“ gewesen. Doch damit lag er nun endgültig daneben. Wie internationale Forscher im März herausfanden, ist an der „kosmologischen Konstante“ mehr dran, als ihr Erfinder ahnte.
Theorien formulieren, verwerfen, neu überprüfen. Ideen nachspüren und plötzlich auf ganz andere, interessantere Zusammenhänge stoßen. Und im schlimmsten Fall scheitern und von vorn anfangen. All dies zeichnet seit jeher wissenschaftliche Arbeit aus. Über ihre Niederlagen aber, von denen andere lernen könnten, schweigen die meisten Forscher lieber. Denn Fördergelder fließen gemeinhin dahin, wo mit Erfolgen zu rechnen ist und Risiken überschaubar bleiben.
Die Sache aber hat einen Haken: Große wissenschaftliche Durchbrüche folgen diesem Schema nicht. So sieht das auch der Wissenschaftsrat. Als er sich im Jahr 2003 Gedanken darüber machte, wie eine strategische Forschungsförderung beschaffen sein sollte, empfahl er auch eine größere Risikobereitschaft. Gerade weil sich wissenschaftliche Entdeckungen eben „nicht gezielt“ fördern ließen, so das Beratungsgremium von Bund und Ländern, seien Wissenschaftler auf finanziell gut gepolsterte „Freiräume“ angewiesen.
Zudem sollten Wissenschaftsorganisationen und -förderer grundsätzlich an einer „rationaleren Risikokultur“ arbeiten. Konkret heißt das: Gutachter sollen berücksichtigen, dass Wissenschaftler bestimmte Vorarbeiten, die bei anderen Anträgen gang und gäbe sind, bei innovativen Anträgen meist nicht leisten können – schlicht aus Mangel an bisherigen Forschungsarbeiten. Vertrauen in ein Projekt bringen möglicherweise persönliche Gespräche mit den Antragstellern selbst und die Entwicklung alternativer Förderverfahren, die von klassischen Standards abweichen. Und wenn Projekte tatsächlich zu nichts führen? Auch dann, so der Wissenschaftsrat, kann die Wissenschaft gewinnen – nicht zuletzt durch das Wissen um Hypothesen, die nun widerlegt sind.
Doch sind Forscher seither innovationsfreudiger und ihre Finanziers risikobereiter geworden? Der Wissenschaftsrat hat das selbst nie überprüft. Dass das Ursprungsproblem aber noch „präsent“ ist, steht für Dr. Rainer Lange, der beim Wissenschaftsrat das Forschungsreferat leitet, außer Frage. Er sieht vor allem einen Zusammenhang zur wachsenden Drittmittelfinanzierung von Forschungsvorhaben. Öffentliche wie private Forschungsförderer orientieren sich in der Auswahl derer, die sie finanziell unterstützen wollen, dabei vor allem an Leis-tungsindikatoren wie etwa vergangenen Forschungsvorhaben oder Publikationen. „Für die Forschungspraxis heißt das aber: Es gibt nur wenige Möglichkeiten, etwas ganz Neues zu verfolgen“, sagt Lange.
„Die indikatorgestützte Förderung ist Ausdruck eines gestörten Vertrauensverhältnisses zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“, sagt der Organisationssoziologe Dr. Thomas Heinze von der Universität Bamberg. Ein wesentlicher Grund dafür sei, dass die Wissenschaft die im Zuge ihrer Expansion in sie gesteckten gesellschaftlichen Erwartungen nicht habe erfüllen können. Die Folge: Seit mehr als drei Jahrzehnten investieren die Förderorganisationen in immer kürzere Projekte mit möglichst vorhersehbaren Ergebnissen.
Mit Wissenschaftlern aus den USA und Großbritannien hat Heinze am Beispiel internationaler Forscherteams untersucht, welche organisatorischen und institutionellen Bedingungen die Kreativität von Forschern beflügeln oder beeinträchtigen. Dabei stellte sich heraus: Für wissenschaftliche Durchbrüche spielte in vielen Teams die Flexibilität, Forschungsmittel selbstbestimmt investieren zu können, eine Schlüsselrolle.

„Wer auf Risiko geht, der muss sich auch
für eine andere Kultur des Umgangs
mit dem ‚Scheitern‘ einsetzen.“

Die Forscher gaben auch zu Protokoll, dass der zunehmende Wettbewerbsdruck, etwa eigene Forschungsergebnisse möglichst schnell veröffentlichen zu müssen, der eigenen Kreativität Raum nimmt. Die Autoren schließen ihren Bericht mit einem Appell an die Politik, wieder ein bisschen mehr Vertrauen in ihre Forscher zu setzen und sie einfach mal machen zu lassen. Einer, der ebenfalls mehr Mut zum Risiko fordert, ist Prof. Dr. Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Wer jedoch auf Risiko geht“, sagt Kleiner, „der muss sich auch gleichzeitig für eine andere Kultur des Umgangs mit dem ‚Scheitern‘ einsetzen.“

Warten auf die Wende
Antragsteller, Gutachter und Hochschulen müssten sich mit der Frage beschäftigen, wie sich Risikoprojekte sinnvoll begutachten lassen. Die DFG sieht sich selbst dabei auf einem guten Weg – nicht zuletzt mit einem neuen Programm, das sie 2008 ins Leben rief: Seitdem können sich Wissenschaftler um ein Reinhart Koselleck-Projekt bemühen. Zwischen einer halben und 1,25 Millionen Euro stellt die DFG fünf Jahre lang für Vorhaben bereit, die sich weder an der Stamminstitution des jeweiligen Wissenschaftlers noch über andere DFG-Verfahren finanzieren lassen. Viel Geld für eine Einzelförderung und dennoch kein Grund, eine Trendwende in Richtung risikoreichere Forschung auszumachen.
Eine Chance für eine Koselleck-Förderung hat, wer bei den Fachgutachtern durch vergangene Forschungsleistungen einen entsprechenden Vertrauensvorschuss genießt. Und genau hier liegt das Problem. Zum einen, weil sich der Mut zum Risiko nach einzelnen Disziplinen bislang noch sehr unterschiedlich verteilt. Während die bisherigen Anträge aus der Psychologie beim evaluierenden Fachkollegium durchaus erfolgreich waren, fand in der Physik bislang kein Antrag Gehör. Zum anderen, weil Nachwuchswissenschaftler, die sich um ein Koselleck-Projekt bewerben, mit alten Forscherhasen nicht wirklich mithalten können. Um bloß keine Leerstellen in der eigenen Publikationsliste zu produzieren, raten ihnen erfahrene Wissenschaftler ohnehin eher davon ab, sich auf Risikoprojekte zu versteifen.
Es ist daher nicht überraschend, dass die Sieger der ersten Antragsrunde bei der DFG mindestens Mitte 40 waren. An die Adresse jüngerer Forscher richten sich andere Programme. So stellt etwa die Volkswagenstiftung Wissenschaftlern, die sich in einem innovativen Themenfeld bewährt haben, Lichtenberg-Professuren verbunden mit einem Tenure Track in Aussicht.

Keine Lobby für Schützenfische
Der Biologe Prof. Dr. Stefan Schuster war 2008 mit 42 Jahren der jüngste in der ersten Koselleck-Runde. Schuster erforscht, wie unser Gehirn komplexe Entscheidungen steuert und sich auf veränderte Gesetzmäßigkeiten der Umwelt einstellt. Der ehemalige Heisenberg-Stipendiat, der inzwischen einen Lehrstuhl für Tierphysiologie an der Universität Bayreuth innehat, will dafür zunächst Nervenzellen von südostasiatischen Schützenfischen untersuchen. Die sichern sich ihre Beute, indem sie Insekten mit einem Wasserstrahl buchstäblich vom Ast schießen. Schon während das Tier purzelt, ändert der Schützenfisch seine Bewegung in Richtung Beute. Das Verhalten folgt einer Gesetzmäßigkeit, die Schuster nun auf zellulärer Ebene untersuchen will. Was aber passiert dort, wenn die Insekten anders fallen, als Schützenfische es gelernt haben? Zu zeigen, wie das kleine Entscheidungsnetzwerk des Fisches flexibel auf seine Umwelt reagiert, lässt irgendwann vielleicht Rückschlüsse auf den Menschen zu.
Bislang rannte Schuster mit seinen Schützenfischen nicht gerade offene Türen ein. „Der Betreuer meiner Habilitation sah diese Arbeit schon nicht gern und warnte, ich würde meine Karriere damit ruinieren“, sagt Schuster mit einem Lächeln. Mehrmals holte er sich mit einem Förderantrag eine Abfuhr. Doch Schuster legte sich einfach ein privates Aquarium zu und blieb am Ball. Letztlich mit Erfolg.
Und wenn sein Projekt scheitert? Schuster bleibt gelassen: „Wenn es nicht klappt, kann ich leicht auf andere Problemfelder ausweichen. Inzwischen habe ich als Forscher ein Gespür dafür, mit Themen nicht komplett auf die Nase zu fallen.


Yvonne Globert ist Journalistin
in Frankfurt/Main.
   
     

 
Misserfolge gibt kein Forscher gerne zu. Dabei sind es oft die Irrtümer, die die Wissenschaft voranbringen. Zwei Forscher berichten über ihre Rückschläge.

Mein Fehler
 

  Foto: Fraunhofer-Gesellschaft
 

Hans-Jörg Bullinger

Arbeitswissenschaftler und Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft
 

Die ganz große Verirrung ist mir Gott sei Dank erspart geblieben. Aber wer forscht, muss sich natürlich mit Fehlschlägen auseinandersetzen. Das Scheitern gehört dazu – allein wenn man sich überlegt, dass bei 2 000 guten Ideen am Ende vielleicht zehn gute Produkte herauskommen. Forscher brauchen deshalb auch den nötigen Motivationszuspruch, wenn etwas schiefgeht.
Ich wollte mit anderen Forscherkollegen ein virtuelles Menschenmodell erstellen. Der künstliche Mensch sollte etwa in der Autoindustrie zum Einsatz kommen, um zum Beispiel mögliche Bewegungsausschläge bei einem digitalen Crashversuch zu simulieren. Was wir damals nicht bedachten: Uns fehlten die nötigen menschlichen Basisdaten. Wir waren schlicht davon ausgegangen, dass das, was wir brauchten, schon in der Medizin vorliegen würde.
Tatsächlich mussten wir sie selbst mühsam ermitteln und dafür menschliche Skelette vermessen. Eine teure Angelegenheit; das ganze Vorhaben hat sich um ein Jahr verzögert. Das war auch deshalb ärgerlich, weil an dem Projekt einige Dissertationen hingen, die dann ebenfalls erheblich länger dauerten als geplant.

 

   
Foto: IMBA / Hans Krist
 

 
Josef Penninger

Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie in Wien
 

Wir Wissenschaftler irren uns ständig. Aber gerade das Unerwartete ist wichtig. In meiner Disziplin kann ich gar nicht wissen, was am Ende herauskommt. Wir haben an unserem Institut zum Beispiel ein bestimmtes Gen von Mäusen verändert. Wir sind dabei von der Idee ausgegangen, dass dieses Gen für das Immunsystem zuständig ist. Zwei Jahre lang ist dann aber nichts passiert, was diese Annahme bestätigt hätte. Schließlich hat sich herausgestellt: Das entsprechende Gen kontrolliert nicht das Immunsystem, sondern das Schmerzverhalten.
Ich habe gelernt, mit Rückschlägen und dem Unerwarteten umzugehen, und vermittle das auch meinen Studenten und Mitarbeitern. Wer an unser Institut kommt, kann maximal acht Jahre bleiben und bekommt für seine Forschung viel Geld und Freiheit. Verglichen mit den großen Instituten etwa in den USA können wir uns nicht über Quantität, sondern nur über Qualität profilieren. Die Funding Agencies sehen das oft anders. Neulich wurde ein Vorhaben am Institut abgelehnt, weil man es für zu ambitioniert hielt. Man fördert hier lieber sichere Projekte, nach dem Motto: Schuster bleib bei deinen Leisten. Das ist doch katastrophal!

 

   
Seite drucken
Fenster schließen
     
© RAABE Fachverlag für Wissenschaftsinformation