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Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 04/10 vom 26.03.2010

Mehr zeigen, als man hat

Der Vortrag, einst Herzstück der wissenschaftlichen Kommunikation, ist mit dem Siegeszug neuer Medien ins Hintertreffen geraten. Jetzt dominiert die Präsentation. Mit ihr zeigt man weniger, als man könnte, aber das muss nicht schlecht sein, wenn sie gut gemacht ist. Worauf kommt es dabei an?

von Nicole Lücke

Der Begriff „Online-Identitätssysteme“ klingt nicht nach einem Thema, für das sich Massen interessieren. Trotzdem haben sich alleine auf dem Videoportal www.youtube.com rund 175 000 Menschen die Aufnahme der Powerpoint-Präsentation „Identity 2.0“ des kanadischen Web-Entwicklers Dick Hardt angeschaut.

Vom Redner zum Performer
Grund für dieses große Interesse ist aber weniger der Inhalt – das komplexe Thema Identität und die Frage, wie man das mehrfache Ausfüllen von Online-Formularen vermeiden könnte. Es ist vielmehr die beinahe artistische Art, mit der Dick Hardt seine Informationen präsentiert. Er gilt als Virtuose der Powerpoint-Präsentation und zieht die Zuschauer mit schnellen Klicks in seinen Bann. Häufig stehen nur einzelne Wörter auf seinen Folien, oder Bilder laufen im Hintergrund durch, während Hardt seine Thesen formuliert. Und immer wieder scheint eines der Bilder nicht zu passen, oder Hardt sagt etwas völlig Unerwartetes. Dadurch lässt er dem Publikum keine Chance, gedanklich abzuschweifen. Am Ende haben die Zuschauer die Grundlagen eines komplizierten Themas verstanden und hatten sogar Spaß dabei.
Dieses Beispiel zeigt, dass Powerpoint Segen und Fluch zugleich ist, auch für die Wissenschaft. Denn auf der einen Seite bietet es seit einigen Jahren ganz neue Möglichkeiten, um Informationen zu vermitteln und ihre Vielschichtigkeit zu zeigen. Auf der anderen Seite ist aus dem bloßen Redner ein Vortragender geworden, der regelrecht performen muss und langweilig wirkt, wenn er es nicht gut macht. Wie ein Schauspieler muss er sein Wissen über verschiedene Kanäle präsentieren und bringt dabei automatisch seine Persönlichkeit ein. Viele Wissenschaftler sind damit überfordert. Manche ignorieren die Unterschiede zwischen Vortrag und Präsentation einfach. Es gibt aber Tipps, die echtes Präsentieren erleichtern.
„Zunächst muss man die Art des Vortrags unterscheiden: Vorlesung, Seminar oder Abendveranstaltung“, sagt Dr. Joachim Knape, Professor für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. „Bei einer Vorlesung, die ich jede Woche halte, geht es darum, dass die Studierenden die wichtigsten Punkte mitbekommen, die ich zum Beispiel begleitend auf Folien präsentiere. Bei Seminaren steht die Diskussion im Vordergrund, und ich nutze Powerpoint höchstens, um Anschauungsmaterial einzuspielen. Ein Abendvortrag dagegen bekommt Eventcharakter.“ Das müsse kein Nachteil für den wissenschaftlichen Gehalt sein, betont der Soziologe Prof. Dr. Hubert Knoblauch von der Technischen Universität Berlin. Er hat für die Deutsche Forschungsgemeinschaft untersucht, ob eine visuelle Präsentation den Inhalt des Wissens beeinflusst. „Das ist nicht der Fall“, sagt er, „Powerpoint-Präsentationen sind sogar prinzipiell komplexer, weil es mehr Möglichkeiten gibt, das Wissen zu transportieren. Ich habe nicht nur die Rede, sondern beispielsweise Bilder und Videos und vor allem die körperliche Performanz, die die verschiedenen Modalitäten des Vortrags verbindet.“

„Ein ruhiger Typ sollte nicht
versuchen, gekünstelt locker und
witzig zu erscheinen.“

Informative Vorträge können auch spannend sein. Doch wie gelingt das? „Ein Redner muss sich zunächst bewusst machen, dass er nicht einen ganzen Vortrag lang gegen die eigene Natur arbeiten kann“, meint Knape. „Die Art und Weise der Präsentation hängt also von der Persönlichkeit ab. Das heißt: Ein ruhiger, sachlicher Typ sollte sich bei seiner Präsentation auf genau diese Stärken besinnen und nicht versuchen, gekünstelt locker und witzig zu erscheinen.“ Gleichzeitig sei aber Kompensation nötig. Denn ein sachliches Thema in einem ausschließlich sachlichen Vortragsstil führe zu Ermüdungserscheinungen beim Publikum. Empfehlenswert sei es daher, Überraschungseffekte oder Sinnliches wie Hör-erlebnisse oder Videos einzubauen.
Bereits „der Klick zur nächsten Folie sorgt immer für Aufmerksamkeit“, erklärt Dr. Sibylle Peters. Die Theaterwissenschaftlerin schreibt gerade an einem Buch über den Vortrag als Performance. „Gut ist dabei ein Rhythmuswechsel, also zum Beispiel erst eine schnelle Abfolge von Bildern, um anschließend Folien länger stehen zu lassen, ähnlich wie bei einem Musikstück, das ruhigere und dramatischere Phasen hat.“ Wie das praktisch aussehen kann, zeigt der Kanadier Dick Hardt: Die Wörter laufen im Sekundentakt durch. Dann verlangsamt er das Tempo, zeigt Bilder, lässt einzelne länger stehen, der Zuschauer holt Luft, und schon geht es mit schnellen Klicks weiter. Dabei wiederholt Hardt Schlüsselwörter. Es muss keineswegs jede einzelne Folie erklärt werden. Während er über die umständlichen Online-Registrierungsformulare spricht, sind im Hintergrund mehrere Screenshots solcher Formulare zu sehen. „Das Publikum stellt die Beziehung zwischen dem Gesagten und der Folie selber her“, ist Peters überzeugt. „Die Taktung muss dabei natürlich stimmen.“
Ihrer Ansicht nach ist es auch nicht notwendig, dass jedes Detail der Informationen den Empfänger erreicht. „Eine intermediale Präsentation wird vom Publikum auch intermedial wahrgenommen. Der Gesamteindruck ist wichtig. Er entscheidet darüber, ob ich Interesse an dem Thema entwickle oder nicht.“ Denn das wird nicht automatisch durch viel Abwechslung geweckt. „Weniger ist manchmal mehr“, sagt Knape, „ganz schlecht ist ein technischer Overkill. Denn Spielereien wie ständige Überblendungen lenken nur vom Inhalt ab. Als Vortragender muss ich also gut überlegen, wie ich akzentuiere, also welche Stellen ich durch Bilder und Ähnliches betonen möchte.“

„Nicht nur der Vortragende präsentiert
die Präsentation, die Präsentation
präsentiert auch den Vortragenden.“

Keiner beherrscht Powerpoint perfekt
Was heißt das für die Vorbereitung eines wissenschaftlichen Vortrags? „Da gibt es viele Möglichkeiten“, sagt Sibylle Peters, „sehr gut funktioniert, wenn ich mir als Erstes überlege, was ich auf Bildern und in Videos zeigen möchte. Was habe ich für Material? Welche Begriffe finde ich so wichtig, dass ich sie auf einer Folie präsentieren möchte, welche Thesen oder Gegenargumente?“ Das alles werde in eine logische Reihenfolge gebracht, also eine Art Mind Map als Powerpoint-Präsentation. „Ganz unabhängig davon schreibe ich dann den Präsentationstext“, erklärt Peters. „Anschließend lasse ich beides parallel ablaufen und schaue, zu welchen Effekten es führt und wo ich nachbessern muss.“ (Siehe dazu duz WERKSTATT 07/2006).
Über eines muss sich der Vortragende allerdings im Klaren sein: „Ich kann Powerpoint niemals perfekt beherrschen“, sagt Peters. „Der Vortragende ist nur eine Figur in dem Ganzen. Es kann immer etwas Unerwartetes passieren, eine überraschende Reaktion des Publikums oder ein Problem mit der Technik.“ Darauf müsse der Redner flexibel reagieren und ein eventuelles Scheitern mit dem Publikum am besten teilen, indem er über sich selbst lacht. „Nicht nur der Vortragende präsentiert die Präsentation, die Präsentation präsentiert umgekehrt auch den Vortragenden. Dieser Dimension muss ich mir bewusst sein.“ Dick Hardt macht das sehr geschickt, wenn er sagt: „Ich weiß gar nicht, warum ich an dieser Stelle Applaus kriege.“


Nicole Lücke
ist Journalistin in Wuppertal.
   
  Foto: fotolia / seen
Ohne USB-Stick braucht man gar nicht erst zum Vortrag zu erscheinen.
 

So werden Sie
zum Performer
 

Bei Powerpoint geht es nicht nur um das Beherrschen der Technik. Seminare privater Anbieter finden Sie zum Beispiel in dem Online-Bildungsportal www.emagister.de. Erkundigen Sie sich außerdem an Ihrer Hochschule, ob entsprechende wissenschaftliche Weiterbildungen angeboten werden.

Ratgeber ergänzen Ihr Wissen. Schlechte Bücher sind für den Laien schwer von guten Büchern zu unterscheiden. Grundsätzlich sollten Sie aber Ratgeber mit Vorsicht genießen, die zum Beispiel „die zehn Regeln zur perfekten Präsentation“ versprechen. Seriöser sind Bücher, die darauf eingehen, dass die Vortragsgestaltung auch von der Persönlichkeit des Redners abhängt.
Testen Sie Ihren Vortrag vor Ihren Mitarbeitern. So finden Sie heraus, ob die Zusammenhänge wie gewünscht erkannt werden oder ob zum Beispiel durch eine falsche Taktung der Folien eine unfreiwillige Komik entsteht.
Lernen Sie von den Besten. Dazu gehören der Web-Entwickler Dick Hardt und Larry Lessig, Jura-Professor in Harvard. Vorträge sind im Internet einsehbar: www.dickhardt.org, www.lessig.org.
     
   
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