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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 04/08
vom 25.04.2008
Der Ted im
Hörsaal
Sie kennen das
Problem: In Vorlesungen melden sich immer die gleichen Studierenden. Der
Frankfurter Pharmazieprofessor Theo Dingermann hatte davon die Nase voll.
Er schaffte ein Ted-System an. Seitdem weiß er, was die Stummen
und Schüchternen im Hörsaal mitkriegen.
von
Frank van Bebber
Professor Dr. Theo
Dingermann sprintet die Treppe im Hörsaal hoch. Habt ihr schon?,
fragt der bekennende Frühaufsteher die Studenten, die um acht Uhr
morgens ihre Kaffeebecher durch die steil abfallenden Stuhlreihen balancieren.
Nun drückt der 59-Jährige ihnen dazu noch ein schwarzes Kästchen
in die Hand. Es sieht aus wie eine Fernbedienung. Der unscheinbare Drücker
ist an der Universität Frankfurt die Didaktik-Innovation des Studienjahres.
Rund viermal in einer Stunde stellt Dingermann eine Frage zum Thema der
Pharmazie-Vorlesung. Die Studenten entscheiden sich anonym per Knopfdruck
für eine der drei Antwortmöglichkeiten. Nach einer Minute flimmert
auf der Beamer-Leinwand das Ergebnis als Balkendiagramm. Die Studierende
Anne-Kathrin Frischen sagt: Es ist wie bei Wer wird Millionär.
Das macht Spaß.
Seit die Kunde
von der Quiz-Technik über den Campus hinaus gedrungen ist, sitzen
immer öfter auch andere Gäste in Dingermanns Vorlesungen
neugierige Kollegen, aber auch Journalisten. Uni-Lehre gilt in der Öffentlichkeit
gemeinhin als dröge Veranstaltung, in der gelangweilte Professoren
ihre eigenen Bücher vorlesen, ihre Assistenten vortragen lassen oder
Studenten Referate halten. Das kleine schwarze Kästchen mit seinen
Fragen und Antworten hat gereicht, um aus Dingermann so etwas wie den
Günther Jauch der Universität Frankfurt zu machen. Privatsender
und Boulevard-Reporter, die ihre Leser und Hörer sonst nicht mit
Akademischem verschrecken, berichten vom Star der Lehre.
Erstmals
erfahre ich etwas
über Wissen und Ansichten der
Stummen und Schüchternen
Festlegung per
Knopfdruck
Dabei ist Professor Dingermann kein Kasperle im Hörsaal. Hinter
dem lockeren Quiz steht das Bemühen, die Vorlesung wieder zum Ort
des Lernens zu machen. Zuvor hatte Dingermann wie viele andere Professoren
auch beobachtet, dass sich auf seine Fragen immer nur die Gleichen melden.
Durch die Abstimmung erfahre ich erstmals etwas über Wissen
und Ansichten der Stummen und Schüchternen. Und weil sich jeder
Studierende mit einem Knopfdruck festlegt, werde für den Einzelnen
klarer: Mensch, da habe ich falsch gelegen. Als Folge steigen nach Beobachtung
Dingermanns Aufmerksamkeit und Interesse.
15000 Euro Preisgeld
investiert
Kontrollfragen am Ende der Vorlesung hat er erst auf Wunsch der Studierenden
eingeführt. Unsere Philosophie ist, dass wir ein Dienstleistungsunternehmen
sind und auf die Wünsche der Studenten eingehen, sagt Dingermann.
Er hat im vergangenen Jahr den Uni-Preis für exzellente Lehre erhalten.
Von den 15000 Euro Preisgeld kaufte er sich das Ted-System für den
Hörsaal. Auch sonst setzt er auf Technik: Wer bei ihm Staatsexamen
macht, darf bei der Prüfung mit dem Computer im Web surfen. Die Antworten
auf seine Fragen fänden sich dort sowieso nicht, sagt er. Seine Vorlesungen
können die Studenten im Internet nachhören. Selbst lädt
sich Dingermann beim Internetportal iTunes Vorlesungen von
Kollegen aus Amerika herunter. Wenn ich Auto fahre, höre ich
nur noch diese Vorlesungen genial, sagt er.
Seine Studenten
verweist der Professor mit dem grauen Strubbelhaar gerne auf das Kölsche
Grundgesetz, das zur Gelassenheit rät. Ein Paragraf lautet:
Et bliev nix wie et wor. Nur bei einem Punkt bleibt Dingermann
zurückhaltend. Zwar ist er dafür, das Quiz-System fest in den
Hörsälen zu installieren, seine Kollegen möchte er aber
nicht unter Druck setzen. Doch bei einer einwöchigen Winterschule,
einem Trainingskurs für das nahende Staatsexamen, drängten die
Studenten bereits erfolgreich auf den Einsatz des von Dingermann bekannten
Abstimmungssystems am Ende setzten es alle Dozenten zur Übung
für die Multiple-Choice-Klausur ein.
Christine
Prußky ist duz-Redakteurin.
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