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Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 03/10 vom 26.02.2010

Die Meister sterben aus

Das Verhältnis zwischen Professoren und Doktoranden verändert sich: Das alte Meister-Schüler-Modell ist von gestern und stirbt aus. Schuld daran ist die strukturierte Promotion. Sie setzt neue Standards in der Betreuung des Nachwuchses. Professoren stehen vor dem kollektiven Rollenwechsel: weg vom Meister, hin zum Mentor.

von Britta Mersch und Frank van Bebber

Universität Tübingen, Deutsches Seminar. Einen traditionelleren Ort der deutschen Wissenschaft kann man sich kaum vorstellen. Doch im Raum 316 arbeitet Prof. Dr. Dorothee Kimmich mit Blick auf die schwäbische Hügellandschaft an einem Promotionsprogramm, das die Türen zu neuen Formen der Promotion noch weiter aufstoßen wird, als es vielen Professoren in Deutschland lieb ist.
Erstmals fördert die Europäische Union in diesem Jahr strukturierte Promotionsprogramme mit der großen Mobilitätsmaschine „Erasmus Mundus“. Die Uni Tübingen ist eine von 65 europäischen Unis, die daran teilnehmen. Im kommenden Wintersemester geht sie im Verbund mit mehreren Unis weltweit mit dem Programm „Cultural Studies in Literary Interzones“ ( www.mundusphd-interzones.eu) an den Start. Dahinter steckt „eine Veränderung des Promotionsgedankens“, sagt Kimmich.

„In fünf Jahren ist die
strukturierte Promotion in
ganz Europa Standard.“

„Role model“ setzt sich durch
Dieser Wandel heißt: strukturierte Promotion. Er bläst seit einigen Jahren heftig über Deutschland hinweg und verändert vor allem eins: das traditionelle Meister-Schüler-Verhältnis. Es hat in Deutschland eine lange Tradition. Doch mit der strukturierten Promotion ziehen Standards in die Doktorandenausbildung ein, von denen viele Nachwuchsforscher lange Zeit träumten: klare Themenvorgabe, intensive Betreuung, Ansprechpartner, Zeitpläne, Kursangebote zur Qualifizierung als Forscher und vor allem: das Ende der Abhängigkeit von nur einem Doktorvater oder einer Doktormutter.
Der Grund für den Erfolg der strukturierten Promotion als „role model“ liegt nicht nur im Bologna-Prozess, der eine einheitliche Doktorandenausbildung in Europa zum Ziel hat, sondern auch im Erfolg der Exzellenzinitiative. Sie brachte 39 Graduiertenschulen hervor, die strukturierte Promotionsprogramme anbieten. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren etliche hochschuleigene Initiativen und die über 55 International Max Planck Research Schools (IMPRS). Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert seit Anfang der 90er-Jahre Graduiertenkollegs. Der Wissenschaftsrat, allzu oft Prophet im eigenen Land, scheint einmal erhört worden zu sein. Bereits 1988 hatte er gefordert, die Doktorandenausbildung stärker zu strukturieren.
So kommt man um die strukturierte Promotion immer weniger herum. Professoren, Prorektoren und Vizepräsidenten überlegen landauf, landab, wie die Doktorandenausbildung künftig an ihrer Uni aussehen könnte. Denn auch wenn die Vielfalt der akademischen Qualifizierungswege in Deutschland international erfolgreich ist, wie der „Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“ vor zwei Jahren zeigte (www.buwin.de), so neigt sich die lange Ära des in Deutschland fest verankerten Meister-Schüler-Verhältnisses dem Ende zu.

„Viele Doktoranden kommen nur
zur Promotion nach Deutschland,
wenn sie einstrukturiertes
Programm vorfinden.“

„In fünf Jahren ist die strukturierte Promotion in ganz Europa Standard“, sagt Dr. Thomas E. Jørgensen, bei der European University Association zuständig für den Council for Doctoral Education. Das hat Auswirkungen auf das klassische Meis-ter-Schüler-Verhältnis. Und der weltweite Wettbewerb um den wissenschaftlichen Nachwuchs befördert das. „Viele Doktoranden kommen nur dann zur Promotion nach Deutschland, wenn sie ein strukturiertes Programm vorfinden“, weiß Prof. Dr. Amelie Mummendey, Prorektorin für die Graduiertenakademie der Universität Jena.
Genau darin liegt der Wandel: Die Promovenden haben konkrete Erwartungen. Sie kommen nicht mehr als Bittsteller, sondern wollen lernen, wie man Forscher wird. Sie wollen Mentoren und Förderer und keine Meister als Doktorväter. Zu dem Ergebnis kommen Dr. Boris Schmidt und Astrid Richter in ihrer kürzlich in der Zeitschrift „Wissenschaftsmanagement“ veröffentlichten Studie „Mentoren gesucht!“. Danach verändert sich das traditionelle Verhältnis, das in Deutschland noch Standard ist, zu einer „Lehrer-Schüler-Beziehung“. Denn das Interesse von Doktoranden liege nicht mehr darin, das Wissen und Können ihres Doktorvaters oder ihrer Doktormutter zu übernehmen, sondern sie wollen gelehrt bekommen, wie sie selbst Experte werden. Amelie Mummendey, die in Sachen Doktorandenausbildung viel in Europa unterwegs ist, kann diesen Trend bestätigen: „Nicht allein die gute Promotion, sondern der gute Promovend steht immer mehr im Vordergund.“

Viele Unis springen auf den Zug auf
An den deutschen Unis führt das seit einigen Jahren zu einem Bewusstseinswandel. Mit Graduiertenakademien sorgen sie für campusübergreifende Betreuungsstandards, die im Wesentlichen dem Konzept der strukturierten Programme entstammen (duz MAGAZIN 01-02/2009, S. 15 f.). In Frankfurt/Main etwa wurde 2006 die Frankfurt Graduate School for the Humanities and Social Sciences gegründet, bei der sich mehrere geisteswissenschaftliche Fachbereiche zusammenschlossen. Begründet wurde die Einrichtung mit dem internationalen Trend zur Reform der Promotionsausbildung. 20 solcher Akademien haben sich im vergangenen Jahr im Verband „Uniwind“ zusammengeschlossen. Ende Februar war die erste Tagung in Leipzig (www.uni-leipzig.de/~uniwind/uniwind.html).
Wer zurückbleibt, den bestraft der Wettbewerb. Viele Universitäten folgen daher dem Trend. So springt derzeit auch die Universität Rostock auf den Zug auf und plant eine Graduiertenakademie. „Unser Ziel ist es, die Promotionszeit zu verkürzen und den Doktoranden eine bessere Betreuung zu bieten“, sagt Prof. Dr. Ursula van Rienen, Prorektorin für Forschung und Forschungsausbildung. Sie kann sich vorstellen, dass Promovenden in Rostock in Zukunft nicht mehr nur bei einem Doktorvater oder einer Doktormutter promovieren, sondern eine Doppelbetreuung bekommen. Das müsse nicht unbedingt ein Professor sein, auch ein erfahrener Nachwuchswissenschaftler wäre denkbar, etwa ein Postdoc oder ein Juniorprofessor. Daneben plant die Uni ein fächerübergreifendes Qualifizierungsangebot. In Kursen und Seminaren sollen die Doktoranden das Rüstzeug bekommen, das sie für eine Karriere als Wissenschaftler brauchen: Rhetorikkurse, Didaktikkurse oder Tipps für den Forschungsantrag. „Die Doktoranden können selbst entscheiden, ob sie davon Gebrauch machen oder nicht“, sagt van Rienen. Das klassische Meister-Schüler-Modell solle aber weiterhin möglich bleiben.

Abhängigkeit vom Meister schwindet
Warum auch nicht? Aber es wird sich dennoch verändern. Denn durch mehr Struktur verschwindet die Abhängigkeit vom Meister. Wo einmal Betreuungsstandards eingeführt wurden, ist kein Platz mehr für alte Gepflogenheiten, bei denen der Doktorand seinen Professor im schlimmsten Fall nur zweimal in drei Jahren sieht: zur Themenbesprechung und zur Abgabe der Arbeit.
„Bislang hatten wir eine ziemliche Gelassenheit, was den Umgang mit unseren Doktoranden anging“, sagt Prof. Dr. Barbara Kehm, Hochschulforscherin an der Universität Kassel. Einige hätten für ihre berufliche Karriere nebenbei zu Hause promoviert, sodass man sie kaum sah. Andere seien durch ihre Arbeit am Lehrstuhl in die Forschung so stark eingebunden gewesen, dass sie nicht zu ihrer Dissertation kamen. Wieder andere hätten ihre Doktorarbeit eine Zeit lang ruhen lassen, ohne dass man darüber geredet hätte: „Dieses bisherige Verständnis der Promotion wird durch den Reformprozess aufgebrochen“, sagt Kehm.
Dass das Meister-Schüler-Verhältnis dennoch bis heute funktioniert, zeigen die Zahlen der erfolgreich abgeschlossenen Promotionen. Rund 25 000 Doktorhüte werden jedes Jahr in Deutschland vergeben (Stand: 2008). Kehm: „Unsere Promotionsquote liegt deutlich über dem, was in anderen Ländern Standard ist.“
Doch sagen solche Zahlen nichts über die Qualität der Ausbildung aus. In einer Umfrage des Promovenden-Netzwerkes Thesis aus dem Jahr 2004 wurde deutlich, dass jeder vierte Doktorand in Deutschland mit seiner Betreuung unzufrieden ist (www.duz.de). Europaweit sieht es noch schlimmer aus. Eine Umfrage, die der europäische Dachverband „Eurodoc“ Mitte März auf seiner Jahrestagung in Wien vorstellen wird (www.eurodoc.net/2010/), zeigt, dass knapp 40 Prozent der Doktoranden in Europa ihre Betreuer nur mit „befriedigend“ oder schlechter benoten (duz EUROPA 09/2009, S. 7).
„Für diese Doktoranden müssen wir Modelle finden“, sagt Barbara Kehm. Allerdings denkt sie dabei eher an Zusatzangebote als an eine Reform der bestehenden Promotionsordnungen. Es würde aber auch genügen, „wenn alle Unis Betreuungsvereinbarungen zusätzlich in die Promotionsordnungen aufnähmen“, sagt Amelie Mummendey. An der Uni Jena ist das geschehen. Und es wäre viel erreicht, wenn die Doktoranden sich anmelden müssten, damit ihre Uni überhaupt weiß, wer sich unter ihrem Dach den akademischen Ritterschlag abholen möchte. Die Uni Jena hat dafür im vergangenen Herbst das Registrierungsprogramm „Doc-in“ eingeführt. Es wird derzeit von vielen Unis nachgefragt.
Das größere Problem dürfte indes darin liegen, das eigene Rollenbild der Professoren als Doktorvater oder -mutter zu verändern. Denn der strukturierte Weg zum Akademikertitel fordert ein radikales Umdenken in der Betreuung und Organisation. Bislang pflegte der deutsche Lehrstuhlinhaber seine fähigsten Studenten zu fragen, ob sie bei ihm promovieren wollten. Anschließend durfte er seine Doktoranden betreuen, wie es ihm beliebte. Jungforscher, die dieser Abhängigkeit erfolgreich entronnen waren, firmierten dennoch weiter als Schüler ihres Meisters und mehrten noch lange dessen Ruf.

Strenges Pflichtenheft für Profs
Die strukturierte Promotion bringt dem Professor hingegen vor allem zwei Dinge: einen Rollenwechsel und ein strenges Pflichtenheft. Die Professoren müssen Betreuung und Auswahlverfahren koordinieren, vor Kollegen ihre Bewertungsmaßstäbe offenlegen und Sonderschichten in der Lehre fahren. Der Bremer Soziologie-Professor Dr. Ans-gar Weymann, der eine der ersten Graduiertenschulen in Deutschland mit aufgebaut hat, sagt über die strukturierte Promotion: „Es ist deutlich mehr Aufwand.“ Nicht nur, weil jeder Doktorand mehrere Betreuer habe. Es müssten auch laufend Drittmittel für Stipendien und Organisation eingesammelt werden.
Für Hochschullehrer, die das nicht gewöhnt sind, mag das ein Bruch sein. Wer jedoch längst in Verbünden denkt und arbeitet, kann sich leichter umstellen. Prof. Dr. Werner Kühlbrandt vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Biophysik bezeichnet den Extra-Aufwand deshalb als minimal. Er ist Sprecher der IMPRS for Structure and Function of Biological Membranes, die vor zehn Jahren als eine der ersten IMPRS gegründet wurde. Doch Arbeitsgruppen und kooperative Promotionen gehörten am Institut schon vorher zum Alltag. Etwa alle zwei Jahre muss Kühlbrandt zusätzlich Vorlesungen halten, dazu kommen Sitzungen der Betreuerkomitees. Jedem der Doktoranden stehen vier Betreuer zur Seite.

Kein jahrelanges Drama möglich
Die Arbeit im Team empfindet Kühlbrandt als sinnvoll. „Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Kollegen sich einbringen“, sagt er. „Da werden interessante Fragen gestellt und beantwortet.“ Ihm falle es leichter, sich selbst einzuschätzen. Und für die Doktoranden sei es nützlich, wenn Kritik und Anregungen von mehreren Professoren geteilt würden. Auch in einem heiklen Fall half der organisatorische Rahmen: Ein Doktorand konnte rasch die Gruppe wechseln, weil das Stipendium nicht an den Professor, sondern die Graduiertenschule gebunden ist. Aus menschlichen oder fachlichen Differenzen wird so kein jahrelanges Drama.
Die Professoren und Verwaltungsmitarbeiter, mit denen Dorothee Kimmich in Tübingen im neuen Erasmus-Programm „Cultural Studies in Literary Interzones“ zusammenarbeitet, organisieren in einer noch höheren Liga den Betreuungsbetrieb. Denn die Doktoranden absolvieren ihr Studium in einer Tournee durch drei bis vier Universitäten weltweit. „Es gibt tausend Probleme zu lösen“, sagt Kimmich: „Wer wird wo eingeschrieben? Wo sind die Leute versichert? Welche Universitäten stellen die Doktorurkunde aus?“ Die Stipendien für das Programm werden international ausgeschrieben. Mehrere Professoren der Partnerhochschulen Tübingen, Perpignan,- Rio de Janeiro und Neu-Delhi wählen die Doktoranden aus. Die Gekürten schlüpfen anschließend nicht gleich unter die Fittiche eines Doktorvaters, sondern absolvieren ein Theorie-Semester an der Universität Bergamo. Erst dann entscheiden sie sich für einen Betreuer.
Die Vorteile eines so engen Netzes sieht auch Soziologe Weymann: „Die Doktoranden erhalten sehr viel mehr Rückmeldungen vonseiten Dritter, etwa im ‚Progress Assessment Colloquium‘ oder im ‚Dissertation Committee‘, über die sich Doktorvater oder -mutter nicht einfach hinwegsetzen können.“ Für den Professor bedeutet dies allerdings auch, dass seine Kollegen tiefen Einblick in seinen Umgang mit Doktorarbeiten bekommen. „Die Transparenz wird größer, die Autonomie des Hochschullehrers sinkt“, sagt Weymann. „Man ist immer im Team.“ Das sichere eine hohe professionelle Qualität. Abbrecher würden zur Ausnahme.
Allerdings warnt Weymann vor der Kehrseite. Es drohe die Gefahr, nur noch dem Mainstream zu folgen, „weil alle gegenüber allen bestehen müssen“. Die Vielfalt werde geringer, auch weil Doktorandenprogramme für bestimmte Themengebiete und Fragestellungen ausgeschrieben seien. „Der enorme Orchideengarten wird beschnitten“, sagt der Soziologe.
Viele Professoren sind deshalb skeptisch, ob zu viel vorgegebene Struktur auch wirklich gut ist. Curriculare Strukturen werden aus Angst vor Verschulung weitgehend abgelehnt. Eine flächendeckende Einführung strukturierter Programme ist daher in Deutschland umstritten.
Woran das liegen könnte, hat die Hochschulforscherin Dr. Nicole Thaller herausgefunden. In ihrer Dissertation „Ist selbst initiierter Wandel in Universitäten möglich?“ zeigt sie am Beispiel der Doktorandenausbildung im Fach Ökonomie die Reformschritte in verschiedenen Ländern. Deutschland gilt als Nachzügler. Als Grund sieht Thaller die Tradition der deutschen Universitäten: „Manche Professoren sehen die Reform als Eingriff in ihre Autonomie“, sagt sie, „andere, die beispielsweise im Ausland viele gute Erfahrungen mit anderen Modellen gemacht haben, stehen ihr viel offener gegenüber.“

Agenten des Wandels sind nötig
Dass neue Formen der Promotion sich vor allem an solchen Universitäten einführen lassen, an denen viele aufgeschlossene Professoren lehren, belegt Thaller in ihrer Arbeit. Solche Professoren sind wie Motoren, die die Promotion vorantreiben. Thaller nennt sie „Change Agents“ – Agenten des Wandels. Sie sorgen dafür, dass die Kollegen an der Fakultät nicht den Verlust von Autonomie, sondern den Gewinn an Arbeitsteilung im Vordergrund sehen. Thaller stellte fest, dass den meisten wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen in Deutschland, die am Meister-Schüler-Modell festhalten, solche „Change Agents“ fehlen.
Nicht so an der Fakultät für Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre der Uni Mannheim. Die Einzelpromotion ist dort bereits ein Modell der Vergangenheit. „Die gesamte Fakultät ist auf die strukturierte Promotion umgestiegen“, sagt Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden, der die Graduiertenschule leitet. Der Studienverlauf ist komplett darauf ausgerichtet. „Wer mit einem Diplom kommt, hat noch nicht die Fähigkeit, eine Doktorarbeit zu schreiben“, sagt von Thadden. Die Doktoranden gehen erst in ein zweijähriges Promotionsstudium, in das gute Masterstudenten bei Interesse auch noch wechseln können. Dann suchen sie sich Thema und Professor für ihre Arbeit. „Die Leute kommen und wissen in der Regel noch nicht, bei wem sie promovieren wollen“, sagt von Thadden.
Die Studienangebote für Doktoranden machen ihm und seinen Kollegen eine Menge Arbeit, „aber sie sind bei den Professoren begehrt, jeder möchte im Doktorandenprogramm unterrichten“, denn sie finden motivierte Studenten vor, die auf hohem Niveau arbeiten. Auf diese Weise fällt der Glanz guter Doktoranden am Ende auch auf die Institution und nicht nur auf den Doktorvater. Für von Thadden ist das ein Pluspunkt beim Werben um exzellente Professoren und Doktoranden. „Man teilt den Ruhm und beide gewinnen“, sagt er. Eine Alternative zur strukturierten Promotion gebe es in seinem Fach sowieso nicht. „Das ist das Erfolgsmodell in der Welt, ohne das man nicht mehr wettbewerbsfähig ist.“
So finden sich Professoren in einer neuen Rolle: Sie müssen um Doktoranden buhlen. An diesem Punkt merken Fakultäten, dass sie sich mit dem Beharren auf alten Traditionen am Ende selbst schaden. Denn die Zahl strukturierter Angebote wächst weltweit (siehe S. 15). Dadurch nimmt die Nachfrage an den einzelnen Einrichtungen ab. Am MPI für Biophysik gingen zuletzt nicht mehr Hunderte, sondern nur noch 90 Bewerbungen für die Research School ein. Die Tübinger Germanistin Kimmich hat erlebt, dass reiche Exzellenz-Universitäten Doktoranden samt halbfertiger Arbeit aus der laufenden Promotion abwerben. Da ist es wichtig, selbst Stellen, Kurse und Extras zu bieten.

Doktoranden brauchen eigenen Status
Je selbstverständlicher solche Angebote werden, desto stärker wächst auch die Erwartungshaltung der Promovenden. Amelie Mummendey von der Uni Halle stellt fest, dass unter ihnen das Selbstverständnis als Gruppe steigt. Damit sie mit ihren Ansprüchen erhört werden, wäre es ihrer Ansicht nach „dringend an der Zeit, dass sie ähnlich wie Studierende einen eigenen Doktorandenstatus bekommen“. Vielleicht könnten Doktoranden dann auch fordern, dass ihre Betreuer sich weiterbilden, wie etwa am Imperial College in London oder am Karolinska Institut in Stockholm (duz EUROPA 10/2009, S. 10). „In Deutschland träfe das unter den Professoren mit Sicherheit erst einmal auf großes Unverständnis“, befürchtet Mummendey. Dabei will gute Betreuung gelernt sein. Karriereberatung oder die Vermittlung guter wissenschaftlicher Praxis schüttelt niemand aus dem Ärmel.
Und noch einen Grund gibt es für mehr Struktur und Qualitätssicherung in der Doktorandenbetreuung: die Betreuungsrelation. In Deutschland wird einem Professor auf die Schulter geklopft, wenn er möglichst viele Doktoranden hat. Er wird sogar dafür über die „leistungsorientierte Mittelverteilung“ mit barem Geld für jeden Doktoranden belohnt. An manchem Lehrstuhl arbeiten 20 oder 30 Akademiker-Gesellen. In Frankreich ist das aus Gründen der Qualitätssicherung undenkbar. Dort gibt es Limits, die zwar nicht exakt eingehalten werden, aber als Orientierung gelten. Je nach Fach kommen auf einen Vollzeitbetreuer zwischen zwei und acht Promovenden.

Klassisch oder strukturiert? Oft unklar.
Ob durch die strukturierte Doktorandenausbildung am Ende tatsächlich bessere Forscher herangezogen werden, ist in Deutschland noch umstritten. Eine Studie der Hochschulforscher Dr. Jürgen Enders und Andrea Kottmann vom Center of Higher Education Policy Studies der Universität Twente (Cheps) zeigt, dass Absolventen von Graduiertenkollegs der DFG bei den Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere deutlich schlechter abschnitten als ihre Mitstreiter, die nach klassischem Meister-Schüler-Modell promovierten. Auch brauchten Kollegiaten mit 3,6 Jahren im Schnitt genauso lange wie die anderen mit 3,8 Jahren. „Für die weitere Laufbahn an der Hochschule kommt es darauf an, mit welcher Note ein Doktorand abschneidet und ob er Aufsätze geschrieben und Vorträge gehalten hat“, so Enders.
An einer neuen Studie arbeitet zurzeit das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) in Bonn. Die Erhebung geht der Frage nach, ob strukturierte Programme die Promotion tatsächlich befördern und ob sie Kompetenzen schulen, mit denen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen. Erste Ergebnisse werden im Mai erwartet. Doch für Kalle Hauss, der die Studie leitet, zeichnet sich bereits ab, dass „die Grenzen zwischen den alten und den neuen Promotionsformen verschwimmen“. Viele Doktoranden könnten nicht klar definieren, nach welchem Modell sie promovieren, weil sie an Kursprogrammen teilnehmen könnten, ohne offiziell an einem Kolleg oder in einem Promotionsstudiengang eingeschrieben zu sein. Ob dieser Doktorand nun klassisch oder strukturiert promoviere, lasse sich nur schwer definieren.
Wer ist da noch Meister und wer Schüler? Das traditionelle Bild aus der Welt des Handwerks stirbt in der akademischen Welt allmählich aus
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Britta Mersch und Frank van Bebber sind Journalisten
in Köln und Frankfurt/Main.
   
     

Was die Bologna-Minister zur Promotion in Europa sagen
 
Im Jahr 1999 startete der Bologna-Prozess mit dem Ziel, bis 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Am 11. und 12. März 2010 feiern die Bildungsminister in Wien und Budapest: www.ond.vlaanderen.be/hogeronderwijs/bologna/2010_conference. Die nächste Konferenz folgt im April 2012 in Bukarest. Weitere Treffen sind 2015, 2018 und 2020.
Hatten die Bildungsminister zunächst nur die neuen Abschlüsse Bachelor und Master im Visier, so einigten sie sich 2003 in Berlin auf Standards für die Promotionsphase. Sie sollte nach Bachelor und Master den dritten Zyklus („third cycle“) des Studiums bilden. Dagegen wehrten sich vor allem die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland. Für sie ist die Promotion die erste Phase wissenschaftlicher Berufstätigkeit („early stage researcher“), nicht die letzte Phase des Studiums.
Im Jahr 2005 legten die Minister in Bergen nach. Die Promotion soll einem drei- bis vierjährigen Studium entsprechen, Doktoranden sollen sowohl als Studierende als auch als Nachwuchsforscher angesehen werden können. Sie betonten die stärkere Förderung beruflicher Qualifikationen, sprachen sich für bessere Betreuungsverhältnisse sowie für mehr strukturierte Promotionsstudiengänge aus.
Während in der Abschlusserklärung von London aus dem Jahr 2007 noch der „third cycle“ auftaucht, verschwand er aus dem Kommuniqué von Leuven 2009. Gesprochen wurde nur noch von „early stage researchers“.
Der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz stehen hinter der strukturierten Promotion. Ihrer Meinung nach stellt das klassische Meister-Schüler-Modell einen Wettbewerbsnachteil für die deutschen Forscher dar.
     
   
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