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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 03/10
vom 26.02.2010
Die Meister
sterben aus
Das
Verhältnis zwischen Professoren und Doktoranden verändert sich:
Das alte Meister-Schüler-Modell ist von gestern und stirbt aus. Schuld
daran ist die strukturierte Promotion. Sie setzt neue Standards in der
Betreuung des Nachwuchses. Professoren stehen vor dem kollektiven Rollenwechsel:
weg vom Meister, hin zum Mentor.
von
Britta Mersch und Frank van Bebber
Universität
Tübingen, Deutsches Seminar. Einen traditionelleren Ort der deutschen
Wissenschaft kann man sich kaum vorstellen. Doch im Raum 316 arbeitet
Prof. Dr. Dorothee Kimmich mit Blick auf die schwäbische Hügellandschaft
an einem Promotionsprogramm, das die Türen zu neuen Formen der Promotion
noch weiter aufstoßen wird, als es vielen Professoren in Deutschland
lieb ist.
Erstmals fördert
die Europäische Union in diesem Jahr strukturierte Promotionsprogramme
mit der großen Mobilitätsmaschine Erasmus Mundus.
Die Uni Tübingen ist eine von 65 europäischen Unis, die daran
teilnehmen. Im kommenden Wintersemester geht sie im Verbund mit mehreren
Unis weltweit mit dem Programm Cultural Studies in Literary Interzones
(
www.mundusphd-interzones.eu)
an den Start. Dahinter steckt eine Veränderung des Promotionsgedankens,
sagt Kimmich.
In
fünf Jahren ist die
strukturierte Promotion in
ganz Europa Standard.
Role model
setzt sich durch
Dieser Wandel heißt: strukturierte Promotion. Er bläst
seit einigen Jahren heftig über Deutschland hinweg und verändert
vor allem eins: das traditionelle Meister-Schüler-Verhältnis.
Es hat in Deutschland eine lange Tradition. Doch mit der strukturierten
Promotion ziehen Standards in die Doktorandenausbildung ein, von denen
viele Nachwuchsforscher lange Zeit träumten: klare Themenvorgabe,
intensive Betreuung, Ansprechpartner, Zeitpläne, Kursangebote zur
Qualifizierung als Forscher und vor allem: das Ende der Abhängigkeit
von nur einem Doktorvater oder einer Doktormutter.
Der Grund für
den Erfolg der strukturierten Promotion als role model liegt
nicht nur im Bologna-Prozess, der eine einheitliche Doktorandenausbildung
in Europa zum Ziel hat, sondern auch im Erfolg der Exzellenzinitiative.
Sie brachte 39 Graduiertenschulen hervor, die strukturierte Promotionsprogramme
anbieten. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren etliche hochschuleigene
Initiativen und die über 55 International Max Planck Research Schools
(IMPRS). Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert seit
Anfang der 90er-Jahre Graduiertenkollegs. Der Wissenschaftsrat, allzu
oft Prophet im eigenen Land, scheint einmal erhört worden zu sein.
Bereits 1988 hatte er gefordert, die Doktorandenausbildung stärker
zu strukturieren.
So kommt man
um die strukturierte Promotion immer weniger herum. Professoren, Prorektoren
und Vizepräsidenten überlegen landauf, landab, wie die Doktorandenausbildung
künftig an ihrer Uni aussehen könnte. Denn auch wenn die Vielfalt
der akademischen Qualifizierungswege in Deutschland international erfolgreich
ist, wie der Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses vor zwei Jahren zeigte ( www.buwin.de),
so neigt sich die lange Ära des in Deutschland fest verankerten Meister-Schüler-Verhältnisses
dem Ende zu.
Viele
Doktoranden kommen nur
zur Promotion nach Deutschland,
wenn sie einstrukturiertes
Programm vorfinden.
In
fünf Jahren ist die strukturierte Promotion in ganz Europa Standard,
sagt Dr. Thomas E. Jørgensen, bei der European University Association
zuständig für den Council for Doctoral Education. Das hat Auswirkungen
auf das klassische Meis-ter-Schüler-Verhältnis.
Und der weltweite Wettbewerb um den wissenschaftlichen Nachwuchs befördert
das. Viele Doktoranden kommen nur dann zur Promotion nach Deutschland,
wenn sie ein strukturiertes Programm vorfinden, weiß Prof.
Dr. Amelie Mummendey, Prorektorin für die Graduiertenakademie der
Universität Jena.
Genau darin liegt
der Wandel: Die Promovenden haben konkrete Erwartungen. Sie kommen nicht
mehr als Bittsteller, sondern wollen lernen, wie man Forscher wird. Sie
wollen Mentoren und Förderer und keine Meister als Doktorväter.
Zu dem Ergebnis kommen Dr. Boris Schmidt und Astrid Richter in ihrer kürzlich
in der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement veröffentlichten
Studie Mentoren gesucht!. Danach verändert sich das traditionelle
Verhältnis, das in Deutschland noch Standard ist, zu einer Lehrer-Schüler-Beziehung.
Denn das Interesse von Doktoranden liege nicht mehr darin, das Wissen
und Können ihres Doktorvaters oder ihrer Doktormutter zu übernehmen,
sondern sie wollen gelehrt bekommen, wie sie selbst Experte werden. Amelie
Mummendey, die in Sachen Doktorandenausbildung viel in Europa unterwegs
ist, kann diesen Trend bestätigen: Nicht allein die gute Promotion,
sondern der gute Promovend steht immer mehr im Vordergund.
Viele Unis springen
auf den Zug auf
An den deutschen Unis führt das seit einigen Jahren zu einem
Bewusstseinswandel. Mit Graduiertenakademien sorgen sie für campusübergreifende
Betreuungsstandards, die im Wesentlichen dem Konzept der strukturierten
Programme entstammen (duz MAGAZIN 01-02/2009, S. 15 f.). In Frankfurt/Main
etwa wurde 2006 die Frankfurt Graduate School for the Humanities and Social
Sciences gegründet, bei der sich mehrere geisteswissenschaftliche
Fachbereiche zusammenschlossen. Begründet wurde die Einrichtung mit
dem internationalen Trend zur Reform der Promotionsausbildung. 20 solcher
Akademien haben sich im vergangenen Jahr im Verband Uniwind
zusammengeschlossen. Ende Februar war die erste Tagung in Leipzig ( www.uni-leipzig.de/~uniwind/uniwind.html).
Wer zurückbleibt,
den bestraft der Wettbewerb. Viele Universitäten folgen daher dem
Trend. So springt derzeit auch die Universität Rostock auf den Zug
auf und plant eine Graduiertenakademie. Unser Ziel ist es, die Promotionszeit
zu verkürzen und den Doktoranden eine bessere Betreuung zu bieten,
sagt Prof. Dr. Ursula van Rienen, Prorektorin für Forschung und Forschungsausbildung.
Sie kann sich vorstellen, dass Promovenden in Rostock in Zukunft nicht
mehr nur bei einem Doktorvater oder einer Doktormutter promovieren, sondern
eine Doppelbetreuung bekommen. Das müsse nicht unbedingt ein Professor
sein, auch ein erfahrener Nachwuchswissenschaftler wäre denkbar,
etwa ein Postdoc oder ein Juniorprofessor. Daneben plant die Uni ein fächerübergreifendes
Qualifizierungsangebot. In Kursen und Seminaren sollen die Doktoranden
das Rüstzeug bekommen, das sie für eine Karriere als Wissenschaftler
brauchen: Rhetorikkurse, Didaktikkurse oder Tipps für den Forschungsantrag.
Die Doktoranden können selbst entscheiden, ob sie davon Gebrauch
machen oder nicht, sagt van Rienen. Das klassische Meister-Schüler-Modell
solle aber weiterhin möglich bleiben.
Abhängigkeit
vom Meister schwindet
Warum auch nicht? Aber es wird sich dennoch verändern. Denn
durch mehr Struktur verschwindet die Abhängigkeit vom Meister. Wo
einmal Betreuungsstandards eingeführt wurden, ist kein Platz mehr
für alte Gepflogenheiten, bei denen der Doktorand seinen Professor
im schlimmsten Fall nur zweimal in drei Jahren sieht: zur Themenbesprechung
und zur Abgabe der Arbeit.
Bislang hatten wir eine ziemliche Gelassenheit, was den Umgang mit
unseren Doktoranden anging, sagt Prof. Dr. Barbara Kehm, Hochschulforscherin
an der Universität Kassel. Einige hätten für ihre berufliche
Karriere nebenbei zu Hause promoviert, sodass man sie kaum sah. Andere
seien durch ihre Arbeit am Lehrstuhl in die Forschung so stark eingebunden
gewesen, dass sie nicht zu ihrer Dissertation kamen. Wieder andere hätten
ihre Doktorarbeit eine Zeit lang ruhen lassen, ohne dass man darüber
geredet hätte: Dieses bisherige Verständnis der Promotion
wird durch den Reformprozess aufgebrochen, sagt Kehm.
Dass das Meister-Schüler-Verhältnis
dennoch bis heute funktioniert, zeigen die Zahlen der erfolgreich abgeschlossenen
Promotionen. Rund 25 000 Doktorhüte werden jedes Jahr in
Deutschland vergeben (Stand: 2008). Kehm: Unsere Promotionsquote
liegt deutlich über dem, was in anderen Ländern Standard ist.
Doch sagen solche
Zahlen nichts über die Qualität der Ausbildung aus. In einer
Umfrage des Promovenden-Netzwerkes Thesis aus dem Jahr 2004 wurde
deutlich, dass jeder vierte Doktorand in Deutschland mit seiner Betreuung
unzufrieden ist ( www.duz.de).
Europaweit sieht es noch schlimmer aus. Eine Umfrage, die der europäische
Dachverband Eurodoc Mitte März auf seiner Jahrestagung
in Wien vorstellen wird ( www.eurodoc.net/2010/),
zeigt, dass knapp 40 Prozent der Doktoranden in Europa ihre Betreuer
nur mit befriedigend oder schlechter benoten (duz EUROPA 09/2009,
S. 7).
Für
diese Doktoranden müssen wir Modelle finden, sagt Barbara Kehm.
Allerdings denkt sie dabei eher an Zusatzangebote als an eine Reform der
bestehenden Promotionsordnungen. Es würde aber auch genügen,
wenn alle Unis Betreuungsvereinbarungen zusätzlich in die Promotionsordnungen
aufnähmen, sagt Amelie Mummendey. An der Uni Jena ist das geschehen.
Und es wäre viel erreicht, wenn die Doktoranden sich anmelden müssten,
damit ihre Uni überhaupt weiß, wer sich unter ihrem Dach den
akademischen Ritterschlag abholen möchte. Die Uni Jena hat dafür
im vergangenen Herbst das Registrierungsprogramm Doc-in
eingeführt. Es wird derzeit von vielen Unis nachgefragt.
Das größere
Problem dürfte indes darin liegen, das eigene Rollenbild der Professoren
als Doktorvater oder -mutter zu verändern. Denn der strukturierte
Weg zum Akademikertitel fordert ein radikales Umdenken in der Betreuung
und Organisation. Bislang pflegte der deutsche Lehrstuhlinhaber seine
fähigsten Studenten zu fragen, ob sie bei ihm promovieren wollten.
Anschließend durfte er seine Doktoranden betreuen, wie es ihm beliebte.
Jungforscher, die dieser Abhängigkeit erfolgreich entronnen waren,
firmierten dennoch weiter als Schüler ihres Meisters und mehrten
noch lange dessen Ruf.
Strenges Pflichtenheft
für Profs
Die strukturierte Promotion bringt dem Professor hingegen vor allem
zwei Dinge: einen Rollenwechsel und ein strenges Pflichtenheft. Die Professoren
müssen Betreuung und Auswahlverfahren koordinieren, vor Kollegen
ihre Bewertungsmaßstäbe offenlegen und Sonderschichten in der
Lehre fahren. Der Bremer Soziologie-Professor Dr. Ans-gar Weymann,
der eine der ersten Graduiertenschulen in Deutschland mit aufgebaut hat,
sagt über die strukturierte Promotion: Es ist deutlich mehr
Aufwand. Nicht nur, weil jeder Doktorand mehrere Betreuer habe.
Es müssten auch laufend Drittmittel für Stipendien und Organisation
eingesammelt werden.
Für Hochschullehrer,
die das nicht gewöhnt sind, mag das ein Bruch sein. Wer jedoch längst
in Verbünden denkt und arbeitet, kann sich leichter umstellen. Prof.
Dr. Werner Kühlbrandt vom Frankfurter Max-Planck-Institut
für Biophysik bezeichnet den Extra-Aufwand deshalb als minimal.
Er ist Sprecher der IMPRS for Structure and Function of Biological Membranes,
die vor zehn Jahren als eine der ersten IMPRS gegründet wurde. Doch
Arbeitsgruppen und kooperative Promotionen gehörten am Institut schon
vorher zum Alltag. Etwa alle zwei Jahre muss Kühlbrandt zusätzlich
Vorlesungen halten, dazu kommen Sitzungen der Betreuerkomitees. Jedem
der Doktoranden stehen vier Betreuer zur Seite.
Kein jahrelanges
Drama möglich
Die Arbeit im Team empfindet Kühlbrandt als sinnvoll. Ich
habe überhaupt kein Problem damit, dass Kollegen sich einbringen,
sagt er. Da werden interessante Fragen gestellt und beantwortet.
Ihm falle es leichter, sich selbst einzuschätzen. Und für die
Doktoranden sei es nützlich, wenn Kritik und Anregungen von mehreren
Professoren geteilt würden. Auch in einem heiklen Fall half der organisatorische
Rahmen: Ein Doktorand konnte rasch die Gruppe wechseln, weil das Stipendium
nicht an den Professor, sondern die Graduiertenschule gebunden ist. Aus
menschlichen oder fachlichen Differenzen wird so kein jahrelanges Drama.
Die Professoren
und Verwaltungsmitarbeiter, mit denen Dorothee Kimmich in Tübingen
im neuen Erasmus-Programm Cultural Studies in Literary Interzones
zusammenarbeitet, organisieren in einer noch höheren Liga den Betreuungsbetrieb.
Denn die Doktoranden absolvieren ihr Studium in einer Tournee durch drei
bis vier Universitäten weltweit. Es gibt tausend Probleme zu
lösen, sagt Kimmich: Wer wird wo eingeschrieben? Wo sind
die Leute versichert? Welche Universitäten stellen die Doktorurkunde
aus? Die Stipendien für das Programm werden international ausgeschrieben.
Mehrere Professoren der Partnerhochschulen Tübingen, Perpignan,-
Rio de Janeiro und Neu-Delhi wählen die Doktoranden aus. Die
Gekürten schlüpfen anschließend nicht gleich unter die
Fittiche eines Doktorvaters, sondern absolvieren ein Theorie-Semester
an der Universität Bergamo. Erst dann entscheiden sie sich für
einen Betreuer.
Die Vorteile
eines so engen Netzes sieht auch Soziologe Weymann: Die Doktoranden
erhalten sehr viel mehr Rückmeldungen vonseiten Dritter, etwa im
Progress Assessment Colloquium oder im Dissertation
Committee, über die sich Doktorvater oder -mutter nicht
einfach hinwegsetzen können. Für den Professor bedeutet
dies allerdings auch, dass seine Kollegen tiefen Einblick in seinen Umgang
mit Doktorarbeiten bekommen. Die Transparenz wird größer,
die Autonomie des Hochschullehrers sinkt, sagt Weymann. Man
ist immer im Team. Das sichere eine hohe professionelle Qualität.
Abbrecher würden zur Ausnahme.
Allerdings warnt
Weymann vor der Kehrseite. Es drohe die Gefahr, nur noch dem Mainstream
zu folgen, weil alle gegenüber allen bestehen müssen.
Die Vielfalt werde geringer, auch weil Doktorandenprogramme für bestimmte
Themengebiete und Fragestellungen ausgeschrieben seien. Der enorme
Orchideengarten wird beschnitten, sagt der Soziologe.
Viele Professoren
sind deshalb skeptisch, ob zu viel vorgegebene Struktur auch wirklich
gut ist. Curriculare Strukturen werden aus Angst vor Verschulung weitgehend
abgelehnt. Eine flächendeckende Einführung strukturierter Programme
ist daher in Deutschland umstritten.
Woran das liegen
könnte, hat die Hochschulforscherin Dr. Nicole Thaller herausgefunden.
In ihrer Dissertation Ist selbst initiierter Wandel in Universitäten
möglich? zeigt sie am Beispiel der Doktorandenausbildung im
Fach Ökonomie die Reformschritte in verschiedenen Ländern. Deutschland
gilt als Nachzügler. Als Grund sieht Thaller die Tradition der deutschen
Universitäten: Manche Professoren sehen die Reform als Eingriff
in ihre Autonomie, sagt sie, andere, die beispielsweise im
Ausland viele gute Erfahrungen mit anderen Modellen gemacht haben, stehen
ihr viel offener gegenüber.
Agenten des Wandels
sind nötig
Dass neue Formen der Promotion sich vor allem an solchen Universitäten
einführen lassen, an denen viele aufgeschlossene Professoren lehren,
belegt Thaller in ihrer Arbeit. Solche Professoren sind wie Motoren, die
die Promotion vorantreiben. Thaller nennt sie Change Agents
Agenten des Wandels. Sie sorgen dafür, dass die Kollegen an
der Fakultät nicht den Verlust von Autonomie, sondern den Gewinn
an Arbeitsteilung im Vordergrund sehen. Thaller stellte fest, dass den
meisten wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen in Deutschland, die
am Meister-Schüler-Modell festhalten, solche Change
Agents fehlen.
Nicht so an der
Fakultät für Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre der
Uni Mannheim. Die Einzelpromotion ist dort bereits ein Modell der Vergangenheit.
Die gesamte Fakultät ist auf die strukturierte Promotion umgestiegen,
sagt Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden, der die Graduiertenschule
leitet. Der Studienverlauf ist komplett darauf ausgerichtet. Wer
mit einem Diplom kommt, hat noch nicht die Fähigkeit, eine Doktorarbeit
zu schreiben, sagt von Thadden. Die Doktoranden gehen erst in ein
zweijähriges Promotionsstudium, in das gute Masterstudenten bei Interesse
auch noch wechseln können. Dann suchen sie sich Thema und Professor
für ihre Arbeit. Die Leute kommen und wissen in der Regel noch
nicht, bei wem sie promovieren wollen, sagt von Thadden.
Die Studienangebote
für Doktoranden machen ihm und seinen Kollegen eine Menge Arbeit,
aber sie sind bei den Professoren begehrt, jeder möchte im
Doktorandenprogramm unterrichten, denn sie finden motivierte Studenten
vor, die auf hohem Niveau arbeiten. Auf diese Weise fällt der Glanz
guter Doktoranden am Ende auch auf die Institution und nicht nur auf den
Doktorvater. Für von Thadden ist das ein Pluspunkt beim Werben um
exzellente Professoren und Doktoranden. Man teilt den Ruhm und beide
gewinnen, sagt er. Eine Alternative zur strukturierten Promotion
gebe es in seinem Fach sowieso nicht. Das ist das Erfolgsmodell
in der Welt, ohne das man nicht mehr wettbewerbsfähig ist.
So finden sich
Professoren in einer neuen Rolle: Sie müssen um Doktoranden buhlen.
An diesem Punkt merken Fakultäten, dass sie sich mit dem Beharren
auf alten Traditionen am Ende selbst schaden. Denn die Zahl strukturierter
Angebote wächst weltweit (siehe S. 15). Dadurch nimmt die Nachfrage
an den einzelnen Einrichtungen ab. Am MPI für Biophysik gingen zuletzt
nicht mehr Hunderte, sondern nur noch 90 Bewerbungen für die
Research School ein. Die Tübinger Germanistin Kimmich hat erlebt,
dass reiche Exzellenz-Universitäten Doktoranden samt halbfertiger
Arbeit aus der laufenden Promotion abwerben. Da ist es wichtig, selbst
Stellen, Kurse und Extras zu bieten.
Doktoranden brauchen
eigenen Status
Je selbstverständlicher solche Angebote werden, desto stärker
wächst auch die Erwartungshaltung der Promovenden. Amelie Mummendey
von der Uni Halle stellt fest, dass unter ihnen das Selbstverständnis
als Gruppe steigt. Damit sie mit ihren Ansprüchen erhört werden,
wäre es ihrer Ansicht nach dringend an der Zeit, dass sie ähnlich
wie Studierende einen eigenen Doktorandenstatus bekommen. Vielleicht
könnten Doktoranden dann auch fordern, dass ihre Betreuer sich weiterbilden,
wie etwa am Imperial College in London oder am Karolinska Institut in
Stockholm (duz EUROPA 10/2009, S. 10). In Deutschland träfe
das unter den Professoren mit Sicherheit erst einmal auf großes
Unverständnis, befürchtet Mummendey. Dabei will gute Betreuung
gelernt sein. Karriereberatung oder die Vermittlung guter wissenschaftlicher
Praxis schüttelt niemand aus dem Ärmel.
Und noch einen
Grund gibt es für mehr Struktur und Qualitätssicherung in der
Doktorandenbetreuung: die Betreuungsrelation. In Deutschland wird einem
Professor auf die Schulter geklopft, wenn er möglichst viele Doktoranden
hat. Er wird sogar dafür über die leistungsorientierte
Mittelverteilung mit barem Geld für jeden Doktoranden belohnt.
An manchem Lehrstuhl arbeiten 20 oder 30 Akademiker-Gesellen.
In Frankreich ist das aus Gründen der Qualitätssicherung undenkbar.
Dort gibt es Limits, die zwar nicht exakt eingehalten werden, aber als
Orientierung gelten. Je nach Fach kommen auf einen Vollzeitbetreuer zwischen
zwei und acht Promovenden.
Klassisch oder
strukturiert? Oft unklar.
Ob durch die strukturierte Doktorandenausbildung am Ende tatsächlich
bessere Forscher herangezogen werden, ist in Deutschland noch umstritten.
Eine Studie der Hochschulforscher Dr. Jürgen Enders und Andrea Kottmann
vom Center of Higher Education Policy Studies der Universität Twente
(Cheps) zeigt, dass Absolventen von Graduiertenkollegs der DFG bei den
Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere deutlich schlechter abschnitten
als ihre Mitstreiter, die nach klassischem Meister-Schüler-Modell
promovierten. Auch brauchten Kollegiaten mit 3,6 Jahren im Schnitt genauso
lange wie die anderen mit 3,8 Jahren. Für die weitere Laufbahn
an der Hochschule kommt es darauf an, mit welcher Note ein Doktorand abschneidet
und ob er Aufsätze geschrieben und Vorträge gehalten hat,
so Enders.
An einer neuen
Studie arbeitet zurzeit das Institut für Forschungsinformation und
Qualitätssicherung (IFQ) in Bonn. Die Erhebung geht der Frage nach,
ob strukturierte Programme die Promotion tatsächlich befördern
und ob sie Kompetenzen schulen, mit denen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt
steigen. Erste Ergebnisse werden im Mai erwartet. Doch für Kalle
Hauss, der die Studie leitet, zeichnet sich bereits ab, dass die
Grenzen zwischen den alten und den neuen Promotionsformen verschwimmen.
Viele Doktoranden könnten nicht klar definieren, nach welchem Modell
sie promovieren, weil sie an Kursprogrammen teilnehmen könnten, ohne
offiziell an einem Kolleg oder in einem Promotionsstudiengang eingeschrieben
zu sein. Ob dieser Doktorand nun klassisch oder strukturiert promoviere,
lasse sich nur schwer definieren.
Wer ist da noch
Meister und wer Schüler? Das traditionelle Bild aus der Welt des
Handwerks stirbt in der akademischen Welt allmählich aus.
Britta
Mersch und Frank van Bebber sind Journalisten
in Köln und Frankfurt/Main.
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