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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 03/10
vom 26.02.2009
Die inneren
Werte
Rankings
sind wie Kosmetik: Sie lassen Hochschulen hübsch aussehen. Wer aber
ans Eingemachte will, greift lieber zur Methode des Benchmarkings. Hier
geht es um den partnerschaftlichen Vergleich von Eckdaten zwischen Hochschulen,
der helfen soll, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen.
Und an ihnen zu arbeiten.
von
Alexandra Straush
Dr.
Martin Hecht hat viele Fragen. Der Kanzler der Universität Halle-Wittenberg
würde gerne wissen, wie es um Ausstattung, Auslastung und Leistung
der Fachbereiche bestellt ist, wie die Hochschule in Sachen Internationalisierung
dasteht und was sie auf dem Gebiet der Gleichstellung zu bieten hat. Doch
Hecht sagt: Er wolle keinen Druck. Keinen Leis-tungsmaßstab,
der die Professoren nervös werden lasse. Er wolle sich keine Vorwürfe
der Ökonomisierung anhören müssen. Stattdessen
suche ich nach einem wissenschaftsadäquaten Steuerungsinstrument.
Entdeckt hat er für seine Hochschule das Benchmarking.
Mehr
als ein Schönheitswettbewerb
Benchmarking ist eine Methode der Qualitätskontrolle, die in
den letzten Jahren aus der Wirtschaft in den Wissenschaftsbetrieb importiert
wurde. Der Begriff Benchmark stammt ursprünglich aus der Landvermessung
und bezeichnet einen Fixpunkt bei Höhen- und Richtungsvergleichen.
Entsprechend werden beim Benchmarking bestimmte Eckdaten unterschiedlicher
Institutionen miteinander verglichen. Im Gegensatz zu öffentlichkeitswirksamen
deutschlandweiten und internationalen Rankings und Ratings passiert dies
jedoch im Stillen, in einer geschlossenen Gruppe von Partnern.
Ratings
und Rankings sind eine
Art Beauty Contest. Alle
versuchen, gut dazustehen.
Ratings
und Rankings sind eine Art Beauty Contest, meint Prof. Dr. Hanns
H. Seidler, Vorstand des Zentrums für Wissenschaftsmanagement in
Speyer. Alle versuchen, gut dazustehen. Diese Instrumente zielen
nicht auf Erkenntnis.
Anders sieht
es beim Benchmarking aus. Es kann als akademisches Controlling eingesetzt
werden. Wo in der Wirtschaft Kostenpunkte verglichen werden, wird in den
Hochschulen die Betreuungsrelation von Studenten zu Lehrenden, das Drittmittelaufkommen
in einem Fachbereich oder die Anzahl der Promotionen pro Professor unter
die Lupe genommen. Auch Prozesse wie Einschreibung, Berufung oder Gebäudemanagement
können Gegenstand eines Benchmarkings sein. Die Partner erfassen
Gemeinsamkeiten und Unterschiede, hinterfragen sie und entwickeln aus
einer Vielzahl von Lösungen eine Best Practice, die im Einzelfall
umgesetzt werden kann.
Deutschlands
Hochschulen liegen mit solchen Benchmarking-Aktionen nach Seidlers
Einschätzung durchaus mit Ländern wie den USA oder Großbritannien
gleichauf, wo man solch modernen Tools gegenüber sehr
aufgeschlossen ist. Martin Hecht aus Halle jedenfalls ist von der Idee
des Benchmarkings so angetan, dass er nun bundesweit nach Mitstreitern
für einen Benchmarking-Club sucht. 20 bis 25 sollten es im Idealfall
sein und möglichst aus verschiedenen Bundesländern. Gemeinsam
mit den Partneruniversitäten in Jena, Potsdam und Ulm arbeitet Halle-Wittenberg
an einer Methodik der Datenerfassung und einem Verhaltenskodex, auf den
sich alle teilnehmenden Universitäten einlassen müssen. Vertraulichkeit
steht dabei an erster Stelle: Was besprochen wird, darf nicht nach außen
dringen.
Beim
Benchmarking kommt
es auf den Reflexionsprozess an.
Allein der hat großes
Verbesserungspotenzial.
Die
geschlossene Club-Atmosphäre gehört zu den Voraussetzungen
und Erfolgsfaktoren des Benchmarkings, meint Dr. Friedrich Stratmann von
der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS), die auf Anfrage
immer wieder Benchmarking-Prozesse begleitet. Öffentlichkeit
macht Druck. Druck führt zu Rechtfertigung und nicht zu Lernprozessen,
erklärt er. Bei immer gleichen Gesichtern und der Sicherheit der
Verschwiegenheit hingegen könne man beobachten, wie Benchmarking-Teilnehmer
im Austausch über mehrere Kaffeepausen immer offener würden.
Der Vorteil für
die Hochschulen liegt auf der Hand: Statt Verlautbarungen kommen Interna
auf den Tisch. Durch das Benchmarking bekommen Sie Zahlen, die in
keinem Ranking stehen und auch sonst auf dem freien Markt nicht zu kriegen
sind, sagt Dr. Johannes Harpenau, Leiter des Präsidialbereichs
Forschung und Controlling an der Technischen Universität Hamburg-Harburg.
Für die junge Hochschule ist es wichtig zu wissen, wie ihre ingenieurwissenschaftlichen
Fächer im nationalen und internationalen Vergleich dastehen. Deshalb
gehört Hamburg-Harburg dem vom Centrum für Hochschulentwicklung
(CHE) moderierten Benchmarking-Club (BMC) Technischer Universitäten
an. Beleuchtet wurden in Hamburg Forschung und Lehre, mit Leistungszahlen
wird eine Datenbank zur Ermittlung vereinbarter Kennzahlen gefüttert.
Auf der Suche
nach einer Best Practice nahmen die beteiligten Universitäten auch
Prozesse unter die Lupe. Wie laufen im eigenen Haus und anderswo Berufungsverfahren
ab? Wie werden die Mittel verteilt? Im Vergleich zeigten sich große
Unterschiede. So ergab zum Beispiel eine Befragung der Bewerber um einen
Studienplatz, dass andere Hochschulen auf Anfragen schneller reagieren
als Hamburg-Harburg. Wer fix ist, bekommt die besseren Bewerber,
ist Harpenaus Schlussfolgerung, hier wollen wir noch besser werden.
Um sich auf Kennzahlen
verlassen zu können, ist es wichtig, dass die methodische Basis stimmt.
Zu diesem Zweck bietet sich ein Vergleich unter homogenen Partnern an,
zum Beispiel unter Hochschulen mit gleichem Fächerschwerpunkt oder
mit ähnlicher Struktur. Entscheidend ist dabei, dass die Partner
mit gleichen Begriffen arbeiten. Das gilt besonders für internationale
Benchmarkings. Hier kommt es besonders schnell zu Missverständnissen,
meint Prof. Dr. Jürgen Becker, der als Vorstand am Karlsruher Institut
für Technologie (KIT) für den Bereich Lehre zuständig ist.
Selbst so naheliegende Begriffe wie Student oder Professor
müssten definiert werden. Denn zu den Studierenden könnten nur
die Bachelor, aber auch wahlweise die Master, Diplomanden oder Doktoranden
gezählt werden, zu den Professoren nur die Lehrstuhlinhaber oder
auch die Juniorprofessoren, Privatdozenten und entsprechende Nachwuchsgruppenleiter.
Je nach Definition führe die Frage nach dem durchschnittlichen Jahresgehalt
der Professoren oder nach der Professoren-Studierenden-Relation
in einem Bachelor-Studium zwangsläufig zu anderen Ergebnissen.
Die Zahlen sprechen
nicht für sich
Im Netzwerk Cluster (Consortium Linking Universities
of Science and Technology for Education and Research) sind diese Probleme
durch genaue Absprachen gelöst. Das KIT sowie als weitere deutsche
Uni die Technische Universität Darmstadt vergleichen sich hier mit
zehn weiteren europäischen forschungsorientierten Universitäten
mit technischer Ausrichtung. Alle Teilnehmer werden zu einer virtuellen
Hochschule zusammengefasst, für die sich gemittelte Kennzahlen ausrechnen
lassen.
Anders als in
Ratings oder Rankings spricht beim Benchmarking die Statistik nicht für
sich. Zahlen müssen nicht nur gegenübergestellt, sondern
auch erklärt werden, meint Stratmann. Arbeitet die Beschaffungsstelle
von Universität A, die mit zwei Mitarbeitern auskommt, wirklich effektiver
als die gleiche Abteilung in Universität B mit vier Beschäftigten?
Oder übernehmen in Universität A die Fakultäten einen Teil
der Arbeit? Dabei sind die Ergebnisse nicht immer das Entscheidende. Beim
Benchmarking kommt es auch auf den Reflexionsprozess an, meint Seidler.
Allein der hat schon ein großes Verbesserungspotenzial.
Manche Benchmarking-Initiativen
müssen sich mit dieser Reflexion zufrieden geben. Das ist das Ergebnis
des Benchmarking-Clubs der Fachhochschulen, der sich bis zum Jahresende
2009 mit Verwaltungsfragen befasste. Zehn Hochschulen beleuchteten zum
Beispiel die Bereiche Personal, Haushalt, Rechenzentren oder Studierendenverwaltung.
Es gab keine Lösung, die für alle gepasst hätte,
sagt Prof. Dr. Rudolf Tilly, Kanzler der Fachhochschule Erfurt.
In der Personalabteilung
etwa seien die Hochschulen von den Länderbestimmungen abhängig.
Da helfe es wenig, einen idealtypischen Prozess zu entwickeln. Die Argumentation,
dass Benchmarking einen Ansatzpunkt liefert, um die politischen Rahmenbedingungen
zu verändern, ist im Arbeitsalltag nur eine geringe Hilfe. Hier habe
sich eher das Netzwerk des Benchmarking-Clubs bewährt. Sachbearbeiter
hätten die Möglichkeit, einander kennenzulernen, auch länderübergreifend.
Bei der Einführung neuer Prozesse, wie zum Beispiel der doppelten
Buchführung, sei es für die Thüringer sehr nützlich,
in anderen Bundesländern hilfsbereite Ansprechpartner zu haben, die
in diesem Bereich schon weiter seien.
Qualitätsbewusste
Entwicklung
Benchmarking funktioniert nämlich optimal nur in Netzwerken
oder baut umgekehrt Netzwerke auf. Das macht es trotz aller methodischen
Hürden zu einem interessanten Instrument für internationale
Hochschulverbünde. Die Cluster-Universitäten
zum Beispiel haben sich auf eine gemeinsame Philosophie und Standards
in der Lehre geeinigt: Das fortlaufende Benchmarking der Fähigkeiten
und Fertigkeiten der Studenten ist Bedingung für die Kooperation
der Hochschulen und garantiert umkomplizierte Mobilität von einer
europäischen Partneruniversität zur nächsten, zum Beispiel
im Rahmen eines Dual Master Degrees. Eine qualitätsbewusste
Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses, meint Jürgen Becker,
auch das kann ein Effekt des Benchmarkings sein.
Alexandra
Straush
ist Journalistin in Bonn.
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Wegweiser
zum Benchmarking: Infos und Literatur
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Anlaufstellen
und Veranstaltungen

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Die
CHE Consult GmbH betreut einen Benchmarking-Club für Technische
Universitäten, dem acht Unis angehören. Das Angebot für
Fachhochschulen ist 2009 ausgelaufen. Beratung und Infos finden interessierte
Hochschulen hier: www.che-consult.de,
Kontakt: Yorck Hener, yorck.hener@che-consult.de
Die Hochschulrektorenkonferenz
(HRK) bietet im Rahmen ihrer Jahresversammlungen regelmäßig
Benchmarking-Workshops an. www.hrk.de/de/projekte_und_initiativen/121.php,
Kontakt: HRK, Projekt Qualitätsmanagement, Barbara Michalk,
Tel. 0228 8871-45.
Die Hochschul-Informations-System
GmbH (HIS) übernimmt auf Anfrage die Rolle eines Moderators
in Benchmarking-Runden. www.his.de/abt3/ab33/infoseite_benchmarking,
Kontakt: Harald Gilch, gilch@his.de
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Literatur (Auswahl)
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Schreiterer,
U.: Benchmarking in European Higher Education, in: Schofield, A. (Hrsg.):
Benchmarking in Higher Education (Unesco New Papers on Higher Education
Studies and Research, No. 21), London/Paris, 1998, S. 93111;
Benchmarking, in: Hanft, Anke (Hrsg.): Grundbegriffe des Hochschulmanagements,
Neuwied, 2001, S. 2125
Brandenburg,
U.: Marketing through Benchmarking and International Rankings?, in:
EAIE Forum, Vol. 8, No. 2, 2006, S. 2831
Stratmann,
F. (u. a.): Benchmarking von Supportprozessen in Hochschulen (HIS:
Forum Hochschule Nr. F6/2007),
www.his.de/abt3/ab33/infoseite_benchmarking/Veroeffentlichungen
Ziegele,
F./Hener, Y.: Benchmarking in der Hochschulpraxis. Effizienzsteigerung
und Prozessoptimierung durch kooperatives Handeln, in: Benz, W. (u.
a.) (Hrsg.): Handbuch Qualität in Studium und Lehre, Berlin,
2004
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Helmut Köstermenke
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Die
eigene Position bestimmen
Mülheim/Ruhr
Benchmarking erleichtert den Blick über den eigenen Tellerrand. Prof.
Dr. Helmut Köstermenke, seit 2009 Vizepräsident der Hochschule
Ruhr West, hat es bereits an mehreren Hochschulen erprobt. Wie funktioniert
es?
duz: Sie waren Kanzler an den Fachhochschulen Furtwangen und
Koblenz und haben dort Benchmarkings durchgeführt. Warum sollte sich
eine Hochschule Ihrer Meinung nach darauf einlassen?
Köstermenke:
Benchmarking bedeutet, in einem Problembereich die eigene Position zu
bestimmen, zu diskutieren und Anregungen für Verbesserungen zu bekommen.
Nehmen wir einmal an, Sie suchen eine Lösung für ein kürzeres
Berufungsverfahren. Dann können Sie von anderen lernen. Zum Beispiel
von einer Hochschule, die für die Berufung einen Sechs-Monats-Zeitplan
aufstellt und schon in der Stellenausschreibung den Termin für die
Berufungskommission angibt.
duz:
Gibt es Bereiche in der Hochschule, die sich besonders für ein Benchmarking
anbieten?
Köstermenke:
Ein Benchmarking, das nur mit Kennzahlen arbeitet, eignet sich nach meiner
Erfahrung nur für die Kostenrechnung. Prozessorientiertes Benchmarking
hingegen können Sie auf alle Bereiche einer Hochschule anwenden.
Das reicht von Forschung und Lehre über die Verwaltung bis zur Personalentwicklung.
duz:
Experten sagen, die ideale Gruppengröße für Benchmarking
beginne bei etwa vier, fünf Partnern. Die Frage ist aber: Wie findet
man geeignete Partner?
Köstermenke:
Meine Erfahrung ist, dass ein Benchmarking häufig über kollegiale
Kontakte zustande kommt. So habe ich gemeinsam mit anderen Kanzlern bestimmte
Themen, die uns unter den Nägeln brennen. Es gibt natürlich
auch die Möglichkeit, sich zu einer bestimmten Fragestellung Partnerhochschulen
zu suchen, von denen man weiß, dass sie bestimmte Probleme gelöst
haben. Oder man schließt sich einem organisierten Benchmarking-Club
an, der sich regelmäßig zu verschiedenen Themen trifft.
duz:
Wie organisieren Sie eine Benchmarking-Sitzung?
Köstermenke:
Bevor man sich zusammensetzt, muss allen Teilnehmern klar sein, welches
Material, welche Zahlen oder Kollegen sie mitbringen müssen. Je nach
Fragestellung oder Größe der Gruppe ist außerdem zu entscheiden,
ob eine Tagesordnung genügt, um das Gespräch zu strukturieren,
oder ob man einen externen Moderator hinzuzieht. In einem Benchmarking
zum Thema Personalentwicklung zum Beispiel haben wir uns einmal entschlossen,
eine Personalberaterin einzuladen.
duz:
Welche Vereinbarungen muss man vorher treffen?
Köstermenke:
Das höchste Gebot ist Vertraulichkeit. Alles, was im Benchmarking
ermittelt wird, muss innerhalb der Gruppe bleiben. Das ist die Bedingung
für ein offenes Wort. Die sensiblen Zahlen, die auf den Tisch kommen,
können sehr leicht fehlinterpretiert werden und sollten deshalb nicht
in die Öffentlichkeit gelangen.
duz:
Und wenn man das Benchmarking erfolgreich organisiert hat, wie aussagekräftig
sind diese Zahlen dann überhaupt?
Köstermenke:
Der Zahlenvergleich ist nicht das Wesentliche. Früher habe ich gedacht,
beim Benchmarking ginge es darum, die beste Kennzahl oder die Best Practice
zu ermitteln und ihr nachzueifern. Heute weiß ich: Interessanter
ist die Diskussion, wie es zu der Zahl oder dem Prozess gekommen ist.
as
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