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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 01/10
vom 18.12.2009
Für Bologna
braucht man Zeit
Oft
wird der Bologna-Prozess als Studium bolognese bezeichnet:
ein Haufen Nudeln, alles durcheinander, nichts geordnet. Dabei braucht
man für ein traditionelles Ragù alla bolognese mehr Zeit und
Liebe als für Mensa-Spaghetti mit roter Hackfleischsauce. Das gilt
auch für die Hochschulreform. Ein Missverständnis wird aufgeklärt.
von
Gunther Hirschfelder
Wussten Sie, dass
der kulinarische Bauchnabel des Abendlandes in der gleichen Gegend liegt
wie die Wiege der größten Hochschulreform Europas? Aus der
Emilia-Romagna in Oberitalien ist nicht nur die hervorragendste Arme-Leute-Küche
hervorgegangen, sondern auch die älteste Universität des alten
Kontinents, nach der die größte Hochschulreform in der europäischen
Geschichte benannt wurde: der Bologna-Prozess.
Meisterwerke kann
man nicht mal schnell nachkochen
So ist es nicht verwunderlich, dass das Ragù alla bolognese,
das vor allem in Deutschland zu Spaghetti bolognese umgetauft
wurde, zum Symbol des Durcheinanders mit dem Bologna-Prozess wurde.
Denn das System der Esskultur ist genauso komplex wie das System der Hochschulen.
In beiden kommt es sehr schnell zu Missverständnissen, die sich epidemisch
verbreiten können. Sowohl das Fertiggericht Spaghetti alla
bolognese vom Discounter als auch der Bologna-Prozess suggerieren
nämlich einen Trick: dass man mit kleinen Kniffen ein lang gewachsenes,
kompliziertes Meisterwerk mal eben nachkochen kann. Schneller und billiger,
aber ebenso schmackhaft und hübsch anzuschauen.
Das ist ein Irrtum.
Aber bekanntlich isst ja das Auge mit und nicht der Verstand. Denn Qualität
kostet nicht nur, sie braucht auch Zeit und Erfahrung. Das wird beim Blick
auf die Geschichte der Bologneser Sauce deutlich. Es gibt keine Originalrezepte,
es gibt keine Patentrezepte. Kochen verträgt keine Bedienungsanleitungen.
Sie sind allenfalls Handreichungen für jene, die schon kochen können.
Nur wer Kenntnisse von Produkten hat, wer riecht, wann eine Tomate wirklich
reif ist, wer weiß, mit welchem Messer Fleisch unter Berücksichtigung
der Faserstruktur zu schneiden ist, kann von Kochbüchern profitieren.
Zurück zu
den Anfängen. Das kulinarische Herz des mittelalterlichen Italien
schlug in Neapel, wo Tischzeremoniell und Snobismus für mindestens
ebenso wichtig erachtet wurden wie die Schmackhaftigkeit. In der europäischen
Küche bereitete man Suppen, Soßen und Breie aus dem zu, was
Küche und Markt hergaben, weil man über kaum einer Feuerstelle
mit mehreren Töpfen oder Kesseln gleichzeitig kochen konnte. Rezepte
spielten da in der täglichen Küche kaum eine Rolle. Markt und
Garten stellten selten alle erforderlichen Zutaten gleichzeitig bereit,
sodass die Gerichte zwangsläufig stark variierten. Musste da nicht
fast zufällig die Sauce Bolognese entstehen? Natürlich nicht,
denn die Tomate war noch längst nicht in Europa. Allerdings war die
oberita-lienische Küche schon weit entwickelt. Und das war der
Kaufkraft der Konsumenten, den internationalen Handelsbeziehungen, der
naturräumlichen Gunst und dem großen gesellschaftlichen Stellenwert
des Essens gleichermaßen geschuldet.
Mutet die mittelalterliche
Küche für unseren Geschmack aber noch fremd an, waren es französische
Einflüsse, die im 16. Jahrhundert eine Vorstellung von der Moderne
gaben. Aus dem französischen Ragout stammt schließlich
das Bologneser Ragù, zunächst aber als Sammelbezeichnung
für Schmorgerichte, die gerade in Bologna oft so fett waren, dass
die Stadt noch heute den Beinamen la grassa trägt. Parallelen
zu einer guten Universitätsausbildung, die ebenso reichhaltig sein
sollte, sind rein zufällig.
Ragouts kamen
zeitgleich mit humboldtscher Uni auf
Entstehung, Verfeinerung und Verbreitung der Ragoutgerichte als Folge
der Ausbreitung der Restaurants vollzogen sich zeitlich parallel zur Entwicklung
des modernen Universitätswesens humboldtscher Prägung. Die Qualität
war wiederum abhängig von den Zutaten wie vom Genius des Koches.
Das Ergebnis entsprach kaum dem, was wir heute mit dem Namen Bolognese
verbinden. Ein populäres Kochbuch des Jahres 1909 schlug folgende
Zutaten vor: 12 dicke Poulardenflügel, 1 Zwiebel,
Butter, 1 Prise Mehl, etwas Weißwein, Bouillon, 12 kleine
Kalbsdrüsen, einige Kalbsamouretten, 16 weiße Hahnenkämme,
einige Hände voll grüne Schoten. Angerichtet wurde mit
Blätterteig. Nachkochen lohnt sich übrigens; es ist nämlich
wie mit der Wissenschaft: macht zwar Arbeit, schmeckt aber wunderbar.
Gegen Ende des
19. Jahrhunderts erfuhren die europäischen Küchen eine
starke Differenzierung. Unter dem Einfluss Georges Auguste Escoffiers
(1846 bis 1935) wurde die Haute Cuisine immer raffinierter. Gleichzeitig
musste die Kost für die wachsenden Unterschichten und für das
Heer der Fabrikarbeiter effizienter werden. In Italien begann die große
Karriere der Nudeln, und als Saucengrundlage setzte sich die Tomate durch.
Es hat den Anschein, dass der Spagat zwischen rationalem und schmackhaftem
Kochen in der Emilia-Romagna erstaunlich gut gelang. Zumindest verbreiteten
sich Varianten des Ragù alla bolognese. Das Geheimnis: gute Zutaten,
die preiswert sein dürfen, aber viel Zeit zum Kochen.
Solche Pastagerichte
erlangten weder in Italien noch sonstwo größere Aufmerksamkeit.
Wer interessierte sich schon für das Essen der Armen (auch wenn es
schmackhaft war)? Das änderte sich auch nicht, als in den 1950er-Jahren
die ersten italienischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Erst zwei
Jahrzehnte darauf, als die deutsche Küche ihren gutbürgerlichen
Resten und deren bloßer Versorgungsfunktion eine Erlebnisküche
zur Seite stellte, rückten die Nudelsaucen in den Fokus. Parallel
erlebte die Cucina Povera in Italien eine Renaissance. 1982 ließ
die Bologneser Delegation der Accademia Italiana della Cucina ihr Ragù
alla bolognese registrieren. Kulturwissenschaftler sprechen bei solchen
Prozessen von einer invention of traditions, was wir aber
gerne akzeptieren.
Tomatensäure
zerlegt die Fleischproteine in leckere Teile
Um es noch einmal zu sagen: Ein solches Ragù braucht neben
guten Zutaten vor allem Zeit. Unter vier Stunden läuft da nichts,
es dürfen aber auch über fünf sein. Da heißt es rühren,
Flüssigkeit und Wissen nachgießen, verfeinern. Erst durch den
Faktor Zeit können sich die Aromen entwickeln. Aus den Fleischproteinen
entstehen wegen der Tomatensäure viele Bruchstücke, die zum
Geschmack beitragen. Zudem hilft die Kochzeit auch der Freisetzung von
natürlichem Glutamat aus den Tomaten.
Wer
es sich beim Kochen zu einfach
macht, wird schlecht genährt. Beim
Bologna-Prozess ist es ähnlich.
Heute
versuchen sich Heerscharen von Hobbyköchen am Ragù alla bolognese.
Am Faktor Zeit dürften ziemlich viele von ihnen tricksen. Schade,
denn ein Ragù lädt zu Kreativität ein: Man darf fast
alles variieren und kombinieren so wie bei den alten Magister-Studiengängen.
Aber dieser laxe Umgang mit den Regeln der Küche hat sich eingeschliffen,
und selbst die Internetseite des Hessischen Rundfunks hält ein Rezept
Spaghettini speziale à la Bocuse für eine Gemüse-Bolognese
bereit, bei dem kurz das am häufigsten verwendete Wort
ist.
Wer es sich beim
Kochen zu einfach macht, darf nicht genießen, wird schlecht genährt
und arbeitet letztendlich auch nicht nachhaltig. Beim Bologna-Prozess
ist es ganz ähnlich. Schnell und gut geht durchaus, vielleicht sogar
beim Ragù alla bolognese: Getrocknete Tomaten wirken wie natürlicher
Geschmacksverstärker, teilweise püriertes Gemüse spart
Zeit und auch mit einem guten Jus de viande geht noch etwas, aber dazu
braucht es lange Planungen, intensive Kenntnisse und ein klares Ziel
Küche ist eben eine Universität und Essen eine Wissenschaft.
Literatur:
Hirschfelder, Gunther: Europäische Esskultur. Eine Geschichte der
Ernährung von der Steinzeit bis heute, Frankfurt/New York 2005; Montanari,
Massimo: Bologna grassa. La costruzione di un mito, Bologna 2004; Peter,
Peter: Kulturgeschichte der italienischen Küche, München 2006
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Ragù
alla bolognese
Zutaten
für 4 Portionen
Zubereitungszeit: 5 bis 6 Stunden je 300 g gehacktes Rind- und
Schweinefleisch, 4 Scheiben Pancetta, ggf. Schinkenspeck, 1/4 l
Milch, gut 1/4 l Weißwein, 1 EL Olivenöl, 50 g
Butter, 1 Zwiebel, 3 Karotten, 3 Stangen Staudensellerie,
2 EL Tomatenmark, 500 g Tomaten oder 1 Dose Tomaten, 2 Lorbeerblätter,
Muskatnuss, Salz, Pfeffer, evtl. Oregano, 1 TL Zucker, ggf. etwas
Fleisch- oder Gemüsebrühe
Zubereitung
In einem großen Topf Öl und Butter erhitzen. Zwiebel, Karotten
und Sellerie in kleine Würfel schneiden und einige Minuten bei mittlerer
Hitze glasig dünsten. Bei hoher Temperatur das Fleisch und den klein
gewürfelten Speck zugeben. Salzen, pfeffern und einige Minuten gut
durchbraten lassen. Die Flüssigkeit muss völlig verkocht sein.
Die Milch zugeben und erneut so lange köcheln lassen, bis die Flüssigkeit
verkocht ist. Dann den Wein, das Tomatenmark und die gewürfelten
Tomaten zugeben. Mit etwas Muskat und Zucker würzen und auf kleiner
Flamme köcheln lassen. Bei Bedarf immer wieder ein wenig Flüssigkeit
(Wasser, Wein oder Brühe) nachgießen. Lorbeerblätter und
Oregano zugeben und eine weitere Stunde köcheln lassen. Zum Schluss
sollte auf dem Ragù ein orange-roter Fettfilm zu sehen und die
meiste Flüssigkeit verkocht sein. Lorbeer entfernen, mit Salz und
Pfeffer abschmecken und mit einem Stückchen Butter, Parmesan und
frischem Basilikum servieren, zum Beispiel mit Nudeln.
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