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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 02/10
vom 29.01.2010
Stirb noch
einmal, Wilhelm
Was
viele Professoren im Stillen fürchten, scheint Gewissheit zu werden:
Das moderne Hochschulmanagement bringt der humboldtschen Einheit von Forschung
und Lehre den Tod. Zu diesem Schluss jedenfalls kommen die beiden Hochschulforscher
Frank Meier und Uwe Schimank.
von
Frank Meier und Uwe Schimank
Auch wenn die viel
beschworene humboldtsche Einheit von Forschung und Lehre vielfach
eher legitimatorischer Mythos denn praktische Realität gewesen sein
dürfte, sind diese beiden Kernaufgaben deutscher Universitäten
traditionell eng miteinander verkoppelt. Die Finanzströme für
Forschung und für Lehre werden in der Grundausstattung nicht separiert,
und die Stellen für Professoren und die meisten wissenschaftlichen
Mitarbeiter sehen in ihrer Aufgabenbeschreibung beides und zwar
formal gleichgewichtig vor. Die Fachhochschulen als eine Hochschulform,
die sich im Gegensatz zur Universität ganz auf die Lehraufgabe konzentrieren
sollte, sind im deutschen Hochschulsystem, gemessen an Studierendenzahlen,
immer der kleinere Bereich geblieben und selbst dort wird mehr
und mehr Forschung betrieben, wie die mittlerweile geläufige englischsprachige
Bezeichnung Universities of Applied Sciences und die Forderung
nach dem Promotionsrecht signalisieren.
Tendenzen in Deutschland
und Europa
Neuerdings gerät jedoch hierzulande, wie schon zuvor in anderen
europäischen Ländern, einiges in Bewegung. In einer Empfehlung
aus dem Jahr 2007 schlägt der Wissenschaftsrat neben anderen Maßnahmen
die Einführung von Lehrprofessuren und lehrorientierten Juniorprofessuren
vor. Freilich sollen auch die Lehrprofessoren noch 30 Prozent ihrer
Arbeitszeit für Forschung aufwenden, um weiterhin den als unabdingbar
erachteten Forschungsbezug der Lehre zu gewährleisten. Zudem soll
ihr Anteil an allen Professuren 20 Prozent nicht überschreiten.
Selbst diese recht maßvollen Vorschläge sind in der Professorenschaft
auf durchgängigen Protest gestoßen. Das zeigt, wie stark die
traditionelle Leitidee der Einheit von Forschung und Lehre
nach wie vor den deutschen Reformdiskurs bestimmt. Trotzdem bereits Wirklichkeit
ist die auch vom Wissenschaftsrat abgelehnte zumeist befris-tete
Einstellung reiner Lehrkräfte mit hohen Deputaten, häufig mit
den neu eingeführten Studiengebühren finanziert. Gänzlich
ungeklärt ist, welche weiteren Karrierechancen diesen Lecturers
eigentlich winken. Werden diese Veränderungen vor allem durch die
anhaltend knappen Ressourcen und die hohen Lehrbelastungen in der Massenuniversität
motiviert, gibt es auch einen anderen Ansatzpunkt für Entkopplung:
die neuerdings proklamierte Förderung von exzellenter
Forschung. So ermöglicht die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen
ihrer verschiedenen Förderlinien seit Kurzem, dass Professoren bei
eigenen Drittmittelanträgen zumindest zeitweise bezahlte Lehrvertretungen
für sich mitbeantragen können. Und die Exzellenzinitiative erlaubt
einigen forschungsstarken Standorten, Forschungsprofessuren mit einem
reduzierten Lehrdeputat einzurichten.
Die letztgenannten
Entwicklungen stehen in engem Zusammenhang mit der wettbewerblichen Vergabe
von Forschungsmitteln, wie sie im New Public Management gefordert wird.
Was sich in Deutschland verhalten andeutet, ist in anderen Ländern
wie Großbritannien oder Australien bereits sehr viel deutlicher:
Ein solcher Wettbewerb, in großem Maßstab installiert, trägt
zur Entkopplung von Forschung und Lehre bei. Sind Forschergruppen oder
ganze Standorte erfolgreich in der Forschung, erhalten sie zusätzliche
Ressourcen und die Legitimation, sich weiterhin vorrangig der Forschung
zu widmen mit der Chance, immer erfolgreicher zu werden. Wer dagegen
in der Forschung keinen Erfolg hat, erhält entsprechend weniger Ressourcen
dafür und hat damit umgekehrt schlechtere Chancen, in Zukunft Erfolg
zu haben und dadurch Ressourcen zur weiteren Verbesserung einzuwerben.
Wer sich deshalb aus legitimatorischen oder finanziellen Zwangslagen heraus
stärker auf die Lehre konzentrieren muss, verschlechtert seine Chancen
im Wettbewerb um Forschungsressourcen noch mehr und muss fortan erst recht
die Lehre in den Mittelpunkt rücken.
Lehre
und Forschung
werden
distinkte Geschäftsmodelle.
Lehre
und Forschung werden also distinkte Geschäftsmodelle,
wenn Forschungsleistungen finanziell konsequent nach dem Matthäus-Prinzip
(Wer hat, dem wird gegeben
) gefördert werden.
Sind solche Bedingungen gegeben, treten auch dann Entkopplungstendenzen
auf, wenn die beteiligten Wissenschaftler und Hochschulmanager die Einheit
von Forschung und Lehre für ein hohes Gut halten und sich redlich
bemühen, sie zu erhalten. Auch in Deutschland, wo Humboldt nach wie
vor hochgehalten wird, ist damit zu rechnen, dass sich verstärkte
Entkopplungstendenzen ergeben, wenn weiterhin eine am New Public Management
orientierte Hochschulreform vorangetrieben wird.
Ob dies freilich
ausschließlich ein Problem darstellt oder ob eine zunehmende Entkopplung
von Forschung und Lehre nicht auch, vielleicht gar überwiegend, Chancen
in sich birgt, ist die sich dann stellende Frage. Welche Alternative man
vorzieht, sollte nicht pauschal traditionalistisch auf der einen Seite
oder zeitgemäß auf der anderen Seite entschieden
werden; man sollte sich vielmehr Punkt für Punkt die Vor- und
Nachteile dieser Richtungsentscheidung vor Augen führen.
Blickt man nur
auf die Forschung (für die Lehre wäre eine parallele Bilanz
zu erstellen), könnten mindestens die folgenden beiden Merkpunkte
für eine stärkere Entkopplung von Lehre und Forschung sprechen:
Eine
zeitliche Verdrängung der Forschung durch die Lehre, wie sie bei
einer ressourcen- und rollenförmigen Kopplung beider Aktivitäten
schnell einreißen kann, würde schwieriger. Eine stärkere
Entkopplung sorgt dafür, dass die Belange der Lehre, die je kurzfristig
stets die größeren Bataillone zu mobilisieren vermögen
als die Forschung, sich weniger zuungunsten Letzterer auswirken können.
Forschung
würde in inhaltlicher Hinsicht weniger durch die Themen der Lehre
abgelenkt. Die oft reklamierte inhaltliche Anregung der Forschung durch
die Lehre dürfte nur unter eher seltenen Sonderbedingungen gelten
und kann nicht essenziell sein sonst könnte etwa an Max-Planck-Instituten,
von deren Wissenschaftlern nur eine Minderheit auch lehrt, keine exzellente
Forschung stattfinden.
Diesen Vorteilen einer stärkeren Entkopplung stehen allerdings auch
mögliche Nachteile gegenüber:
Es würde
sich relativ früh in der individuellen Karriere entscheiden, ob jemand
zukünftig überwiegend oder ausschließlich lehrt
und wer dann weiter Forscher bleibt, muss konstant Leis-tung bringen.
Denn bei einer Schwächeperiode, wie sie aus unterschiedlichsten Gründen
immer einmal eintreten kann, fällt man schnell ganz aus der Forschung
heraus. Das ist die Kehrseite des Matthäus-Prinzips.
Die Ausbildung
des künftigen Forschernachwuchses fände nur noch an relativ
wenigen Orten statt. Diese örtliche Konzentration könnte leicht
zu einer unerwünschten kognitiven Engführung der Forschung führen.
Der Forschung
ginge die durch eine proklamierte Einheit von Forschung und Lehre, selbst
wenn diese weitgehend nur auf dem Papier steht, gewährleistete Huckepack-Legitimation
durch die Lehre verloren. Insbesondere anwendungsferne Grundlagenforschung
kann sich dann letztlich nur noch durch Exzellenz legitimieren, was aber
naturgemäß nur die jeweilige Leistungsspitze für sich
reklamieren kann; die übrige Forschung läuft Gefahr, aus Legitimationsgründen
stark unter Anwendungsdruck zu geraten.
Auf diese und weitere Vor- und Nachteile einer stärkeren Entkopplung
von Forschung und Lehre ist zu achten, wenn die Entwicklung, wie sich
auch in Deutschland andeutet, zunehmend in diese Richtung drängt.
Man sollte möglichst behutsam vorgehen und sich der jeweiligen Nachteile
bewusst sein, um sie auf andere Weise ausgleichen zu können.
Literatur:
Frank Meier/Uwe Schimank: Matthäus schlägt Humboldt? New Public
Management und die Einheit von Forschung und Lehre.
In: Beiträge zur Hochschulforschung 1/2009, S. 4261.
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