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Das Leben der Peers
ist ein bisschen wie das von Aschenputtel. Auch wenn sie noch so fleißig
arbeiten, Geld bekommen sie dafür nicht. In Deutschland zumindest.
Wie lange geht das noch gut? |
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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 01/10
vom 18.12.2009
Die netten
Peers von nebenan
Preise,
Stipendien, Projekte: Millionen vergeben Deutschlands Wissenschaftsförderer
im Wettbewerb. Die Verfahren sind streng reguliert und professionell organisiert.
Bis auf einen Punkt: Die Gutachter arbeiten zum Nulltarif. Ist das Modell
zukunftsfähig?
von
Christine Prußky
Kurz vor Weihnachten,
in diesen Tagen also, sind sie in der Post: die Dankesschreiben des Präsidenten
und dazu Geschenke. Ein Buch, vielleicht ein Bildband. Es sind kleine
Zeichen der Wertschätzung, die der Deutsche Akademische Austauschdienst
seinen rund 600 Gutachtern in Deutschland schickt. Mehr ist nicht drin
für sie: Wir zahlen unseren Gutachtern außer Reisekosten
keinen müden Pfennig, sagt DAAD-Generalsekretär Dr.
Christian Bode.
Was so knapp
formuliert recht drastisch klingt, ist nicht etwa Folge der Wirtschafts-
und Finanzkrise. Nein, das Vorgehen hat im Wissenschaftsland Deutschland
Tradition und Methode: Von der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH)
und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über die Max-Planck-Gesellschaft
(MPG) bis hin zum Wissenschaftsrat (WR). Wenn Deutschlands Wissenschaftsorganisationen
professorale Expertisen benötigen, wenn also Forschungsanträge
bewertet, Stipendien, Preise oder auch Stellen vergeben werden, dann brauchen
sie anscheinend nur zu rufen und später Danke zu sagen. In
die Kasse muss da keiner greifen. Wie das geht? Ganz einfach: Keiner hält
die Hand auf.
Eine Frage der
Ehre
Ökonomisierung der Wissenschaft hin oder her: Für Deutschlands
Professoren ist es offenbar immer noch Ehrensache, als Peer
aktiv zu sein. Nach Geld wird da nicht gefragt. Doch wäre es wirklich
so unsittlich, sich für die Stunden und Tage honorieren zu lassen,
die es kos-tet, um sich durch Forschungsanträge zu ackern, Auswahlgespräche
mit potenziellen Stipendiaten zu führen und am Ende die Empfehlung
zu verfassen?
Gutachten
gehören nur zur
Dienstpflicht, wenn sie vom
Dienstherren bestellt werden.
Die
Spreu vom Weizen trennen. Was bisweilen leicht und schnell erledigt ist,
kann manchmal einfach nur lästig sein und abhalten von dem, was unbestritten
zur Dienstpflicht des Professors gehört: Forschung und Lehre nämlich.
Dass auch das Schreiben von Gutachten zum Professorenberuf gehört,
ist dagegen juristisch längst nicht ausgemacht. Prof. Dr. Max-Emanuel
Geis, Staatsrechtler an der Universität Erlangen-Nürnberg,
nennt derlei Behauptungen jedenfalls schlicht Humbug. Für
Geis gehören Gutachten nur zur Dienstpflicht eines Professors,
wenn sie vom Dienstherren, also dem Rektor beziehungsweise Präsidenten
oder dem Ministerium, explizit bestellt werden. Als Peer für eine
Forschungsförderorganisation tätig zu sein, gehört zwar
auch zum wissenschaftlichen Leben in Deutschland. Die Teilnahme an diesem
Leben beruht aber auf einer freien Entscheidung des Professors.
Mit anderen Worten: Die Profs könnten geschlossen Nein sagen, Honorare
fordern und damit das gesamte Vergabesystem in Deutschland auf
den Kopf stellen.
Realistisch ist
das Szenario zwar nicht, doch macht es deutlich: Die Exzellenz des Wissenschaftsstandortes
Deutschland steht und fällt mit dem guten Willen seiner Peers. Wollten
Deutschlands Professoren Geld für ihre Gutachterdienste sehen, würden
die Fördertöpfe schrumpfen. Jeder weiß, dass die
Finanzen in der Wissenschaft begrenzt sind und Geld, das für Aufwandsentschädigungen
gezahlt würde, nicht mehr für die Forschung in Laboren und Bibliotheken
zur Verfügung stünde, erklärt Dr. Enno Aufderheide,
Leiter der Abteilung Forschungspolitik der Max-Planck-Gesellschaft,
den Mechanismus und mit ihr die Methode, die Wissenschaftsmanager
und -politiker im Ausland mit Neid erfüllen muss. Solange sie
denn funktioniert.
In
anderen Ländern
werden wir
dafür bewundert.
In
anderen Ländern werden wir dafür bewundert, sagt Dorothee
Dzwonnek, Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft,
und meint mit dafür das in Deutschlands Wissensszene
geltende Prinzip der Unentgeltlichkeit. Tatsächlich müssen Wissenschaftsorganisationen
in konkurrierenden Forschernationen wie den USA oder Großbritannien
erhebliche Summen für Gutachter ausgeben. Ich kenne Kollegen
in Cambridge, die 2 000 Pfund wollen, wenn ich sie bitten würde,
ein Habilitationsgutachten zu schreiben, bestätigt der Präsident
der Alexander von Humboldt-Stiftung, Prof. Dr. Helmut Schwarz.
Sind Professoren
Altruisten?
Dass Honorare im Ausland gängig sind, wissen deutsche Profs
natürlich. Und doch lassen sie sich davon offensichtlich nicht beeindrucken,
wie eine Studie des Bonner Instituts für Forschungsinformation und
Qualitätssicherung aus dem Jahr 2007 zeigt. Sie beruht auf einer
Befragung von Mitgliedern der DFG-Fachkollegien, den Professoren also,
die im Peer-Review-Sys-tem der DFG auf die Qualität der
Begutachtungen achten sollen. Ergebnis der Studie: Die absolute Mehrheit
der Befragten steht einer finanziellen Entschädigung der Fachkollegiaten
ablehnend gegenüber (siehe Grafik).
Altruisten sind
Deutschlands Professoren deshalb jedoch noch lange nicht. Im Gegenteil.
Auch wenn kein Geld fließt, basiert das Gutachterwesen doch auch
in Deutschland auf geschäftsähnlichen Prinzipien. Bei
der Begutachtung von manchen Anträgen lerne ich selbst dazu,
erklärt zum Beispiel der Vizepräsident der TU Braunschweig,
Prof. Dr. Müfit Bahadir. Sein Hauptmotiv aber ist ein anderes: Es
ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen: Wenn ich selbst evaluiert werde
und Forschungsanträge einreiche, erwarte ich auch ein ordentliches
Gutachten.
Erkenntnis, Reputation
und Macht das ist die Währung, die in der Wissenschaft zählt.
In dieser Währung werden und wollen Gutachter in Deutschland ganz
offensichtlich bezahlt werden. Das zeigt die IFQ-Studie ebenso wie
die Erfahrung der Forschungsorganisationen: Die Max-Planck-Gesellschaft
hat einen Marktvorteil. Professoren schreiben gern in ihren Lebenslauf,
Mitglied des Fachbereichsrates eines Max-Planck-Instituts zu sein.
Das ist gut für ihre Reputation als Wissenschaftler, sagt Dr.
Enno Aufderheide. Der letzte Satz ist natürlich blanke Werbung für
die Max-Planck-Gesellschaft. Dass sie überhaupt nötig
ist, zeigt: Angebot und Nachfrage halten sich nicht mehr die Waage. Während
die Nachfrage nach Gutachtern in den vergangenen Jahren deutlich stieg,
stagnierte die Zahl der Peers. Fallzahlen der DFG zeigen das. Um ihre
Fördermillionen an den Mann beziehungsweise die Frau zu bekommen,
waren 2008 knapp 11 000 Professoren als Gutachter für die DFG
aktiv. Zusammen produzierten sie knapp 23 000 Gutachten und
schafften in diesem einen Jahr fast genauso viele Gutachten wie davor
in zwei Jahren.
Man merkt
natürlich, dass die Leute schwer belastet sind. Am schlimmsten ist
es bei guten Wissenschaftlerinnen. Sie werden von allen Seiten bestürmt,
räumt DAAD-Generalsekretär Dr. Christian Bode ein. Trotzdem
bleibt er dabei: Wir möchten Überzeugungstäter, denen
es allein um die Sache geht und davon gibt es gottlob noch genug.
Die Frage ist nur, wie lange noch. Auch wenn sich in der IFQ-Studie
mehr als die Hälfte der DFG-Fachkollegien gegen die Einführung
von Gutachter-Honoraren aussprachen, votierten doch 37,2 Prozent der
Befragten für die finanzielle Entschädigung und signalisierten
damit: Vorsicht, der quantitative Anstieg bedroht langsam, aber sicher
die Qualität der Gutachten!
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Unentgeltlichkeit stößt an Grenzen
Tatsächlich macht sich nicht nur die Basis darüber Gedanken,
wie sich die Qualität der Gutachten bei steigender Quantität
halten lässt. Nachgedacht wird darüber auch in den Führungsetagen
der Wissenschaftsorganisationen. Die Meinungen gehen noch auseinander,
auch an der Basis.
Während
die einen eine Reduzierung des Lehrdeputats fordern, halten andere Honorare
für sinnvoll. Wieder andere schlagen Mischformen vor: Ich fände
es nicht gut, wenn Gutachten wie bei einem Ingenieurbüro in Auftrag
gegeben würden, sagt zum Beispiel Prof. Dr. Michael Spiteller,
Chemiker an der Technischen Universität Dortmund. Dennoch steht für
ihn fest: Es gibt eine Grenze für die Belastung der Gutachter und
diese muss benannt und reguliert werden. Und so schlägt Spiteller
eine Kontingentierung vor, wonach Professoren für deutsche Wissenschaftsorganisationen
nicht mehr als fünf Gutachten pro Monat zum Nulltarif erstellen sollten.
Jedes weitere Gutachten wäre dann zu honorieren. 300 Euro pro
Gutachten könnte eine Kennzahl sein, sagt Spiteller. Der Betrag
entspricht ziemlich genau der Summe, die die DFG bei der Begutachtung
der Anträge für die Exzellenzinitiative den ausländischen
Wissenschaftlern überweist. Bei einem Tagessatz von je 350 Euro summierten
sich Ausgaben für ausländische Gutachter in der Exzellenzinitiative
auf insgesamt knapp 650 000 Euro. Diese Honorare sind äußerst
moderat und liegen weit unter den international üblichen Sätzen
für die Begutachtung von Förderanträgen. In der nächsten
Runde der Exzellenzinitiative werden wir die ausländischen Gutachter
wieder bezahlen, sagt DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek
und betont: Das bleibt die absolute Ausnahme.
Ob und wie lange
es bei diesem Präzedenzfall bleibt, vermag im Moment zwar keiner
abzuschätzen. Doch natürlich wissen Deutschlands Wissenschaftsförderer,
dass der Bedarf an Gutachtern in dem Maße steigen wird, in dem der
Wettbewerb in der Wissenschaft forciert wird. Die öffentliche
Hand darf sich nicht zu sehr daran gewöhnen, dass internationale
Spitzenleute ihre Zeit zur Verfügung stellen, ohne dass dies in irgendeiner
Weise honoriert wird, betont der Generalsekretär des Wissenschaftsrates
Thomas May und lobt folgerichtig den idealistischen Ansatz.
Alles
hat seinen
Preis auch
die Gutachter.
Idealismus
und Solidarität das sind Begriffe, die fremd wirken in einer
Zeit, in der sich der Erfolg in der Wissenschaft zunehmend an ökonomischer
Verwertbarkeit misst. Man kann nicht auf Markt und Wettbewerb setzen
und sich dann wundern, wenn dies ernst genommen wird. Alles hat seinen
Preis auch die Gutachter, sagt Max-Emanuel Geis und bringt
damit das Dilemma auf den Punkt, vor dem Deutschlands Wissenschaftssystem
steht.
Nicht umsonst
hat Deutschland sein Wissenschaftssystem massiv reformiert und mit dem
Einzug des sogenannten New Public Management in Hochschulen
und Forschungsorganisationen den Wettbewerb forciert. Wer sich international
behaupten will, so der wissenschaftspolitische Mainstream, der muss Zuschüsse
projektorientiert vergeben. Doch eben dieser Trend bedroht zugleich die
Stärke, die Deutschland gegenüber dem Ausland hat. Bei
uns ist Wissenschaft nach dem Bottom-up-Prinzip organisiert. Die
DFG erfüllt ihren Förderauftrag als Selbstverwaltungsorganisation
der deutschen Wissenschaft und arbeitet alleine nach wissenschaftlichen
Kriterien. Jeder weiß, dass er selbst gefragt ist, um das System
aufrechtzuerhalten. In anderen Ländern werden Forschungsgelder dagegen
programmorientiert vergeben. Dort läuft die Vergabe über Ministerien,
die diese Aufgabe oft auch an Agenturen weitergeben, sagt Dorothee
Dzwonnek.
Würde dieses
Prinzip in Deutschland eingeführt, wäre das ein Schreckensszenario
für Professoren wie für Wissenschaftsmanager. Und doch wissen
alle: Das System der Unentgeltlichkeit stößt an seine Grenzen
und birgt Gefahren für den Standort. Denn die Zeit, die Profs für
Gutachten investieren, fehlt ihnen für die Forschung und damit die
Tätigkeit, für die sie bezahlt werden. Was also tun? Eine Antwort
darauf ist noch nicht gegeben.
Christine
Prußky
ist Leitende Redakteurin der duz.
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