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Schummeln zwecklos:
Die Tablet-PCs werden nach dem Zufallsprinzip mit Fragen bestückt.
Jeder Student muss andere lösen. |
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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 1-2/09
vom 30.01.2008
Schummeln ist
nicht
Die
Reform des Medizinstudiums stellte die Medizinische Hochschule Hannover
vor ein Problem: eine Riesenflut schriftlicher Prüfungen. Die Idee
einer IT-Firma half. Seither werden Klausuren auf speziellen Computern
geschrieben. Das spart Zeit und Nerven. Und schummeln können die
Studenten auch nicht mehr.
von
Maria Benning
Infektiologie,
Immunologie (Teil 1) steht an der Tür des Hörsaals. Drinnen
auf den Tischen liegen schon die Tablets bereit kleine Mobilrechner
mit Touchscreen, die gefüttert sind mit der Klausursoftware Q[kju:],
einer Spezialanfertigung für die Medizinische Hochschule Hannover
(MHH).Stift und Papier sind passé an der MHH, seit der Großteil
der schriftlichen Prüfungen in elektronischer Form absolviert wird.
Die Medizinstudenten erhalten für ihre Klausuren einen sogenannten
Tablet-Computer, darauf werden mit einem Eingabestift die Antworten
markiert. Die Fragen werden per Wireless LAN vom zentralen Prüfungsserver
übertragen.
Die Ausweiskontrolle
bremst die hereinströmenden Studierenden. Auf dem Tablet muss jeder
seine Matrikelnummer eingeben. Diese wird online, im Campus-Management-System,
mit der Prüfungsanmeldung verglichen. Stimmen die Daten, kanns
losgehen. Das Multiple-Choice-Format sei leicht abzukupfern, könnte
man meinen. Doch Betrug ist nahezu unmöglich: Die Fragen werden vom
Zufallsgenerator gemischt. Keiner arbeitet im selben Moment an der gleichen
Sache.
Vergebliche Sabotageversuche
Angesichts der als abschreibsicher geltenden Klausuren ist
es verständlich, dass sich der Enthusiasmus der Studierenden anfangs
in Grenzen hielt, meint Prof. Dr. Hermann Haller, Studiendekan der
Medizinischen Fakultät. Anfangs ließen einige Prüflinge
ihr Tablet sogar absichtlich fallen, um die neue E-Prüfung zu
boykottieren. Zwecklos: Ersatzgeräte gab es genug, die Prüfung
ging weiter, der Protest verlief im Sande. Ohnehin freundeten sich die
meisten rasch mit dem neuen System an, hat Haller beobachtet. Der Grund:
Jeder erhält nach der Klausur sofort sein Ergebnis und weiß,
woran er ist.
Verblüfft
stellte auch Prof. Dr. Herbert Matthies, Leiter der Medizinischen Informatik
an der MHH, bei der Evaluation des neuen Verfahrens fest, dass die Studierenden
die elektronische Klausurvariante alsbald für korrekter und zuverlässiger
hielten als die herkömmliche Korrektur von Hand.
Das E-Prüfungs-Verfahren
für angehende Mediziner ist keine Lösung von der Stange, sondern
genau auf die Bedürfnisse der MHH zugeschnitten. Eingeführt
wurde das neue System vor drei Jahren Hand in Hand mit der Reform
der Medizinerausbildung, die im Rahmen des Bologna-Prozesses vollzogen
wurde.
In Hannover entwarf
man den Modellstudiengang HannibaL (Hannoveraner integrierte
berufsorientierte adaptive Lehre). Rund 300 angehende Mediziner durchlaufen
seit dem Wintersemester 2005/2006 diese praxisorientierte Ausbildung.
Das neue Studienkonzept
stellte die MHH vor große Herausforderungen: Schriftliche Prüfungen
werden nicht länger zu Prüfungsblöcken à la Physikum
gebündelt, sondern geprüft wird, sobald eine Lerneinheit beendet
ist. Nach jedem der 36 Studienmodule etwa alle 14 Tage
steht also für 90 bis 100 Studierende eine Klausur an. Ein enormer
Prüfungsaufwand, für den die MHH weder Personal noch Räume
parat hatte. In Duisburg-Essen oder Bremen richtete man gesonderte,
mit Rechnern ausgestattete Prüfungsräume ein. Die MHH setzte
stattdessen auf ein mobiles System. Ob im Seminarraum oder im Hörsaal
überall wo Platz ist, soll geprüft werden, erläutert
Dr. Volkhard Fischer, Leiter des Referats Studium und Lehre. So konnte
die MHH einen kostspieligen Anbau vermeiden.
Entwickelt wurde
das mobile Prüfungs-szenario im Rahmen einer Public Private Partnership
mit einem externen Dienstleis-ter. Die redaktionelle Verantwortung
für den Prüfungsinhalt liegt bei den medizinischen Fachabteilungen.
Die Firma Codiplan aus Bergisch Gladbach stellt die Hard- und Software
bereit und sorgt für die Wartung sowie die technische Betreuung während
der Prüfungen.
Rund 300 000
Euro kostet die Hochschule der Q[kju:]-Service jährlich. Eine
Investition, die sich bezahlt mache, meint Studiendekan Haller. Immerhin
sei die Professorenstunde zu teuer für Korrektur-Routinen und
das elektronische System stelle eine deutliche Reduzierung des Korrekturaufwandes
dar. Und die E-Prüfung gibt schließlich nicht nur den Studierenden,
sondern auch den Dozenten selbst eine schnelle Rückmeldung über
ihre eigenen Leistungen in der Lehre.
Am Ende jeder
elektronischen Prüfung bekommt der Studierende einen Evaluationsbogen
auf seinen Tablet-PC geschickt. Dieses Modell der Evaluation bringt
einen deutlich höheren Rücklauf als die Online-Beurteilung
per Mail, hat Volkhard Fischer beobachtet. Für Fischer überraschend,
ergaben sich mit der neuen Prüfung sogar einige zunächst nicht
sichtbare Vorteile: So sei der gesamte Workflow der Abteilungen deutlich
transparenter. Wie viele Fragen sind schon im System eingestellt? Wer
hat seinen Teil der Arbeit noch nicht geleistet? Bei welchen Prüfungsteilen
hapert es am häufigsten? Fischer ist fest davon überzeugt, dass
ein kontinuierliches Feedback zu diesen Fragen die Qualität der Lehre
verbessert.
Wir
sind stolz darauf,
dass bislang noch kein
Datensatz verloren ging.
Anfangs allerdings litt das System unter Kinderkrankheiten. So brach der
Server zusammen, als die Prüflinge ihre Klausurergebnisse abrufen
wollten. Solche Engpässe im Datenverkehr wurden beseitigt, versichern
die Beteiligten. Auch der Akku-Betrieb der Geräte bereitet Probleme,
wenn übers Wochenende unbemerkt der Strom ausfällt. Seit eineinhalb
Jahren laufe die E-Prüfung jedoch stabil, sagt Haller. Wir
sind stolz darauf, dass bislang noch kein Datensatz verloren ging,
versichert Daniel Möbs, Abteilungsleiter für Universitäre
Lehre bei Codiplan.
Mittlerweile
nutzt auch die Tierärztliche Hochschule Hannover das E-Klausursystem.
Langfristig sollen komplexere Frage- und Aufgabenstrukturen wie Bildanalysen
in das System einpflegt werden. Vielleicht entsteht so eine elektronische
Lern-Landschaft.
Maria
Benning ist
Journalistin in Berlin.
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